Interview mit Marie-Renée Lavoie

Marie-Renée Lavoie schreibt Literatur für Kinder und für Erwachsene. Von ihr sind die Romane Les chars meurent aussi, L‘autopsie d‘une femme plate, Le syndrome de la vis und die Reihe Zazi, erschienen bei XYZ éditeur und Hurtubise. Ihr erster Roman war La petite et le vieux. Er hat sich sehr gut verkauft und ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. In der deutschen Übersetzung von Andreas Jandl ist der Roman bei Hanser und als Taschenbuch bei dtv erschienen. Schnell zählte Marie-Renée Lavoie zu den Stimmen der Québecer Literatur, die es im Auge zu behalten galt. 2017 reiste sie mit anderen Autorinnen und Autoren aus Québec zur Genfer Buchmesse, um den Ehrengast Québec zu repräsentieren. Im darauffolgenden Sommer habe ich die sympathische Autorin an einem herrlich sonnigen Tag in einem Montréaler Café getroffen.

Wie hat dir die Buchmesse in Genf gefallen?

Marie-Renée: Auf der Buchmesse war es besonders, so viele Autorinnen und Autoren aus Québec zu sehen. Mir war vorher nicht bewusst, was es heißt, einen Messeauftritt zu organisieren. Es waren Buchhändler da, die Leute von der ANEL. Sie alle sind an einem Messeauftritt beteiligt. Es war eine tolle Gruppe und eine gute Gelegenheit mit vielen ins Gespräch zu kommen. Ich habe mich mit Autoren ausgetauscht, die ich zwar oft sehe, aber nur selten spreche wie Fanny Britt und Jacques Côté, mit Leuten, die Krimis, Romane und Kinderbücher schreiben.
Bei Buchmessen in anderen Ländern ist die Stimmung besonders und die Abende können lang werden. Es war eine schöne Buchmesse, die sich in ihrer Ausstattung und der Art und Weise, Bücher zu präsentieren von unseren in Québec (Stadt) und Montréal unterscheidet. Ich fand den Bereich für Kinder sehr inspirierend, genauso wie die Workshops und die vielen Aktivitäten rund um die Buchwelt. Davon könnten wir uns was abgucken. Es ging ums Buch, aber auch um das Buch als Objekt in einer kulturellen Umgebung. In der kurzen Zeit, in der ich da war, habe ich vieles entdeckt, was ich gut fand. Und auch die wunderschöne Stadt.

Du kommst aus Québec (Stadt), genauer gesagt aus dem Stadtteil Limoilou. Die Singer-Songwriter Safia Nolin kommt auch von dort und hat ihr Debütalbum danach betitelt.

Marie-Renée: Ich kenne sie nicht. Sie ist bestimmt viel jünger als ich. Ich habe dort gelebt, bis ich 28 war. Seit über 15 Jahren bin ich jetzt in Montréal. Limoilou ist ein Arbeiterviertel, vergleichbar mit dem früheren Plateau oder Saint-Henri in Montréal. Es wurde z.B. von Sylvain Lelièvre besungen. Alle meine Geschichten enden, beginnen oder spielen in Limoilou. Ich kann nicht anders, auch wenn ich jetzt schon länger in Montréal lebe. Wenn ich mir eine Geschichte ausdenke, egal ob für Kinder oder Erwachsene, spielt sie immer in Limoilou oder endet dort.
Ich ziehe bald auch wieder zurück. Wir haben uns dort ein Haus gekauft. Meine Familie lebt dort und ich habe da auch noch viele Freunde. Ich trage Limoilou im Herzen, habe es dort für immer eintätowiert. Wenn ich schreibe, taucht es vor mir mit seinen Straßen und Seitengassen, seinen Geschäften und Cafés auf.

Hast du damals in Limoilou schon Geschichten geschrieben?

Marie-Renée: Als ich jung war, ging es in meinen Texten immer um Ritter und so. Ich mochte Bücher über Zauberei und Fantasy-Geschichten. Meinen ersten Roman habe ich mit 14 geschrieben, über eine weibliche Hauptfigur, die an der Highschool von Limoilou Basketball spielt. Auch die allerersten Kapitel von La petite et le vieux, die ich mit 20 geschrieben habe, sind dort entstanden. Heute ist mir klar, dass Limoilou immer präsent ist. Ich weiß nicht, wie ich über etwas anderes schreiben kann oder ob es mir überhaupt gelingen würde, diese Welt hinter mir zu lassen. Sogar in meinem letzten Roman, in dem die Protagonistin nicht in Limoilou lebt, führt am Ende dorthin, weil sie sich ein Haus in dem Stadtteil kauft.
Limoilou ist ein Teil von mir. Ich bin wie die Gefangene des Viertels, in dem ich geboren bin. Ich bin gespannt, wie es damit weitergehen wird.

Vielleicht bekommt Montréal einen Platz, wenn du weggezogen bist.

Marie-Renée: Ja vielleicht. Mich interessiert, wie sich unsere Welt und unsere Fantasie ausbreiten und verändern. Bei den meisten Autoren wie Michel Tremblay, Jacques Poulin und Chrystine Brouillet – unabhängig vom Genre – finden die Figuren sich immer in einem ähnlichen Dekor wieder und auch ihre Themen ähneln sich. Wenn ich anfange, über Montréal zu schreiben, weiß ich, dass ich die Stadt verinnerlicht habe.

Dein erster Roman kam 2010 heraus. Da hast du schon in Montréal gewohnt und als Lehrerin gearbeitet.

Marie-Renée: Ich habe fürs Schreiben eine Auszeit genommen. Bücher zu schreiben dauert seine Zeit. Manche glauben, Lehrer sein, sei ein leichter Job, aber mir war klar, dass ich nicht gleichzeitig schreiben und unterrichten konnte. Also habe ich, sobald es ging, eine Auszeit genommen, die in Tarifverträgen geregelt ist, und den ersten Entwurf meines Romans geschrieben.

In Québec unterrichten Autoren oft Literatur oder kreatives Schreiben. Die Analyse und Interpretation von Texten steht ähnlich im Fokus, wie das Schreiben selbst. Glaubst du, dass dich das in deinem Schreiben beeinflusst?

Marie-Renée: Ich denke nicht, dass mich das beim Schreiben beeinflusst. Für den Unterricht wähle ich eigentlich die Bücher aus, die ich mag. Ich bin aber vorsichtiger geworden, denn wenn die Schüler Bücher lesen und sie ihnen nicht gefallen, urteilen sie ziemlich hart, verreißen sie sogar. Sie haben keine Lust, mit ihnen zu arbeiten. Damit sie mir meine Lieblingsbücher nicht madig machen, habe ich aufgehört, sie auf die Liste zu setzen.
Meine Schüler sind in der Regel zwischen 18 und 19 Jahre alt. Sie sind unterschiedlicher Herkunft und haben verschiedene Ansichten. Montréal ist eben kosmopolitisch. Unbewusst achte ich bestimmt auf gewisse Merkmale oder Elemente im Text, deren Wirkung sie kritisieren, wie etwa Humor, der ins Nichts zielt oder Dialoge, die zu philosophisch sind.
Als Lehrer bleibt man auf dem Boden und ist nicht allein. Autoren kommen raus, wenn sie sich mit ihrem Verleger treffen oder an Veranstaltungen teilnehmen, aber eigentlich bleiben sie in ihrer eigenen Schreibblase. Für mich ist das nichts. Wenn ich nach dem Urlaub wieder in der Schule bin, tut mir das gut. Es gibt viele Lehrer, vor allem an den Cégeps und Unis, die selbst schreiben. Oft wollten sie Autoren werden, haben sich aber nicht getraut. Immerhin sind wir ein frankofoner Mikrokosmos mitten im anglofonen Meer. Und dann ist unser Französisch auch noch schwer zu exportieren. Das ist mir klar geworden, als ich La petite et le vieux veröffentlicht habe. Die Dialoge sind sprachlich so verfasst, wie man in Québec spricht. Mir wurde gesagt, dass der Roman nie übersetzt werden würde, er gar unübersetzbar sei. Aber in jeder Kultur gibt es doch eine gesprochene Sprache, die sich von der geschriebenen abhebt. Es braucht nur einen guten Übersetzer.
Wir sprachen über Einflüsse. Irgendwann dreht sich alles um die Welt der Bücher. Es fängt damit an, dass man gerne schreibt und wer gern schreibt, liest gern. Lesen gehört für mich dazu. Ich kann ganze Nächte damit verbringen, wenn ich in ein Buch eintauche. Das war schon immer so. Ich lese und lasse Bücher lesen und ich schreibe. Aus zwei Welten ist das Beste vereint. Ich kann unterrichten, über Éric Plamondon reden und über das, was ich mag. Und wenn ich ein Buch schreibe, stellen mir dann andere die Fragen.

La petite et le vieux ist auch auf dem deutschen Buchmarkt rausgekommen, als Roman und auch als Hörspiel.

Marie-Renée: Das war eine große Überraschung. Es gibt Autoren wie Denis Thériault, die in Deutschland erfolgreich sind. Wenn die Deutschen etwas mögen, dann aber richtig. Vielleicht liegt es an den gewissenhaften Übersetzern, die ihr habt.

Als letztes ist L’autopsie d’une femme plate erschienen.

Marie-Renée: Es ist ein Buch für den Sommer. Es zu schreiben war eine große Freude. Es hat kurze, lustige Kapitel und ist ganz anders, als meine anderen Romane. Es kam gut an. Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, in denen es hieß, es wurde herzhaft gelacht. Das hat mich gefreut, denn genau das wollte ich erreichen. Die Franzosen und Italiener haben die Rechte gekauft. Diese Art von Roman findet seinen Platz. Es ist keine Chick Lit. Es ist Literatur für Frauen zu einem schwierigen Thema, das ich auf eine leichte und weniger dramatische Art und Weise verarbeitet habe. Ich habe eine starke Hauptfigur gewählt, die damit klar kommt. Ich gehe auf die 45 zu und um mich herum trennen sich all die Paare. Das ist voll das Klischee: Männer, die ihre Frau für eine Jüngere verlassen. Es ist immer dasselbe. Das Leben ist klischeehafter als jedes Buch, das geschrieben werden kann. Ich hatte Lust darüber zu schreiben, nicht aus irgendwelchen Rachegelüsten. Beim Schreiben kann man die Realität umformen, sich über sie lustig machen. Worte sind meine Waffe.
Es gibt Autoren, die für ihre Buchprojekte einer vorgegebenen Richtung folgen. Ich schreibe Bücher für Jugendliche und Erwachsene, leichte und schwere Kost. So sind doch auch unsere Lesegewohnheiten. Manchmal steht einem der Sinn nach etwas Gefühlvollem, etwas Anspruchsvollem, und manchmal greift man lieber zum unkomplizierten Krimi. Wenn ich schreibe, geht mir das genauso. Ich variiere. Ich schreibe nie gleichzeitig an zwei Projekten. Immer eins nach dem anderen, abhängig davon, wie ich mich fühle. Jugendbücher habe ich angefangen zu schreiben, als ich ziemlich starke Rückenprobleme hatte. Ich war fast ein Jahr lang wegen meines Nackens und Rückens krank geschrieben. Ich war in der Bewegung meines Körpers stark eingeschränkt, konnte mich morgens nicht aufsetzen. Ich konnte nichts tun, lag nur im Bett. Da fing ich mit dem Schreiben an, hauptsächlich kurze Geschichten für Kinder, weil ich nicht lange am Computer schreiben konnte.

In La petite et le vieux ist deine Hauptfigur ein junges Mädchen, das bei ihrem Alter mogelt, um ihre Familie finanziell zu unterstützen.

Marie-Renée: Das Motiv gibt es bei mir häufiger, ohne dass ich es bewusst einsetze. In dem Roman, den ich gerade schreibe, gibt es auch eine Figur, die sich immer älter macht.

Sie freundet sich mit ihrem Nachbar, einem alten Mann an. Auch der Alte ist eine Figur, die man oft in deinen Büchern findet, auch in L’autopsie d’une femme plate.

Marie-Renée: Der Alte in L’autopsie d’une femme plate ist aber vernünftiger als Rogé in La petite et le vieux. Alte Menschen faszinieren mich. Jemand, der alt ist, gilt per Definition als weise. Er ist jemand, der vernünftige Dinge sagt, der gelebt und gelitten hat. In dem Arbeiterviertel, aus dem ich komme, war das Leben nicht immer leicht. Ich habe ältere Menschen getroffen, die aus ihrem Leben nichts gemacht haben, die nichts Interessantes zu erzählen hatten. Wenn sie uns dann ihre billige Moral predigten, basierte sie auf nichts. Wie kann man ein Leben verbringen, ohne dabei weise zu werden? Ich wollte nicht so werden, wie sie.
Es gibt die Alten in meinen Büchern, aber aus verschiedenen Gründen. In L’autopsie d’une femme plate trifft sie einen alten Mann, der viel mit seinen Händen gearbeitet hat. Man sieht sein altes Haus, seine Ordnung und vermutet, dass er auf dem Land gearbeitet hat und nicht aus einem gebildeten Umfeld kommt. Meine Oma geht auf die 100 zu, kann aber nicht lesen. Großeltern, die auf dem Land aufgewachsen sind, also meine Großeltern, können weder lesen noch schreiben. Sie sind zwei Jahre zur Schule gegangen und das war‘s. Mein Opa wurde mit 10 zu den Holzfällern geschickt und kam nie wieder nach Hause. Später hat er versucht, sich zu bilden, auf der Baustelle. Während des Baus des Krankenhauses Sacré cœur in Montréal haben die Schwestern unterrichtet. In der Generation meiner Großeltern brauchte es Glück, um lesen und schreiben zu lernen. Heute ist das anders. Die Großeltern unserer Kinder können in der Regel lesen. Wir sind vielleicht die erste Generation, deren Eltern zur Schule gegangen sind. Unsere Kinder werden damit konfrontiert, dass ihre Eltern vielleicht gebildeter sind als sie. Nehmen wir mich. Meine Großeltern konnten weder lesen noch schreiben. Meine Mutter ist Grundschullehrerin. Ich habe einen Magisterabschluss. Wie sollen meine Kinder das übertreffen? Die Generation nach unseren Kindern wird vor einer noch größeren Herausforderung stehen, denn wir blicken alle auf unsere Eltern. Mein Vater hat zu mir gesagt, er wünsche sich, dass ich ein wenig weiter käme als er. Wie können sich Kinder davon freimachen? Denn dieser Blick wird sich ändern.
In Le syndrome de la vice geht es um eine Dame, die Alzheimer hat und die Klavier spielt. Sie ist ziemlich alt. Wenn man 95 Jahre gelebt hat, will das was heißen. Man hat ganze Epochen erlebt. Wir haben nicht immer die Gelegenheit, ihnen zuzuhören.

Du hast vorhin deine Dialoge erwähnt. Wie schreibst du sie?

Marie-Renée: Wenn ich Notizen mache, ist es immer in Form von Dialogen. Ich entwerfe die Figuren nicht, in dem ich schreibe: „Joe tut das“. Wenn ich eine Idee für eine Figur habe, ist es in Form eines Dialogs. Daraus entsteht später die Geschichte. In meinen Büchern gibt es immer tolle Dialoge, weil sie zuerst da sind. Ich weiß natürlich, was geschehen wird und ich führe die Geschichte zu den Dialogen. Ich bin wie Amélie Nothomb “Dialogautorin”. Sie schreibt sehr gute Dialoge. Mit den Dialogen fängt es an und deshalb kann ich sie auch nicht anders als in gesprochenem Québecfranzösisch schreiben. Das ist die Art, wie ich meine Dialoge denke und sie sind in meinen Büchern sehr wichtig.

Schnappst du sie auch unterwegs auf?

Marie-Renée: Ich denke, man schnappt hier und da Elemente auf, spielt mit verschiedenen Sprachniveaus. Ich komme aus dem Arbeitermilieu, wo die Leute Umgangssprache gesprochen und viel geflucht haben. Ich kann solche Figuren erschaffen. Ich kann auch sehr gebildete Figuren erschaffen, wenn ich will. Das ist meine Spannbreite.

Zum Abschluss möchte ich dich noch nach Büchern der Québecer Literatur fragen, die du empfiehlst.

Marie-Renée: Die Romane von Catherine Mavrikakis, Le poids de la neige von Christian Guay-Poliquin, die Bücher von Sophie Bienvenu und Anaïs Barbeau-Lavalette. Le plongeur von Stéphane Larue liegt noch auf meinem Stapel.