Interview mit Fredric Gary Comeau

In einem Café auf der rue Ontario Est, im Montréaler Stadtteil Hochelaga, traf ich den Autor, Dichter und Musiker Fredric Gary Comeau. Es war einer dieser Sommertage in Montréal, an denen es schwül und regnerisch ist. Das Café, in dem wir uns trafen, war vor einigen Jahren ein Buchladen. Im Juni 2013 wurde daraus das Bobby McGee. Bücher gibt es dort immer noch, dazu kam ein leckeres Angebot an Snacks und Süßem sowie an Kaffeevarianten und Erfrischungsgetränken. Während im Inneren des Cafés Brandschutzmaßnahmen vorgenommen wurden, setzte ich mich mit dem Autor auf die einladende Terrasse. Inmitten der Geräusche des Stadtalltags mit vorbeifahrenden Bussen, Lkws, Autos und sogar einem Hubschrauber erinnerte sich Fredric Gary Comeau an die langwierige Entstehung seines Romans Vertiges. Der Roman erschien 2013 bei Quai n° 5. Es war ein Buchprojekt, an dem der Autor über mehrere Jahre gearbeitet hat und dessen Manuskript er im Laufe der Zeit einige Male verloren hat.
Wir sprachen über seine Schreibgewohnheiten, über Städte, Gentrifizierung, Reiselust und dann gab es noch einen Vorgeschmack auf seinen neuen Roman, der in gewisser Weise an Vertiges anknüpfen wird.

Wir haben uns in dem Café getroffen, in dem du das Manuskript für deinen Roman Vertiges zu Ende geschrieben hast. Wie ist der Roman entstanden?

Fredric Gary: Die Idee dafür hatte ich 1992. Meine Mutter starb in diesem Jahr an Krebs. Ich stellte damals meinen zweiten Gedichtband fertig. Als ich ihn veröffentlichte, habe ich ihr den Band gewidmet, denn er handelte von ihrem Tod. Ich widmete ihn auch einem Freund, der Medizinwissenschaftler ist und der damals zu einer medizinischen Konferenz nach New Mexico, Santa Fe, fuhr. Die Wüste interessiert mich sehr und oft findet sie Eingang in mein Schreiben. Ich fügte dem Band noch ein Gedicht hinzu und schrieb wie im Roman: Bringe es in die Wüste. So gab ich meinem Freund den Band mit. Für mich war es ein symbolischer Akt, das Buch, das ich meiner verstorbenen Mutter widmete, im toten Meer der Wüste zu lassen. Im selben Jahr begann ich ausgehend von dieser Idee eine Geschichte zu entwerfen: Wenn ich diese Art Flaschenpost in der Wüste deponiert habe, wie wäre es, wenn jemand das Buch finden und seiner Präsenz in der Wüste eine Bedeutung beimessen würde.
Es sind die Zufälle, die mich faszinieren, denn es sind Ereignisse, über deren Wahrnehmung man immer entscheiden kann. Einige Menschen sind resolut und sehen darin immer das Chaos. Andere versuchen in allem einen Sinn zu entdecken wie z.B. Grace im Roman. Für sie gibt es keine Zufälle, alles ist ein Zeichen für etwas. Ich arbeite gern mit Figuren, die von Zeichen besessen sind und darin vielleicht auch zu viel hinein interpretieren. Aber manchmal ist ein Zufall wirklich nur ein Zufall.

Gab es eine Fortsetzung zu deinem Gedichtband, den dein Freund in der Wüste gelassen hat? Hat dich jemand kontaktiert?

Fredric Gary: Im wahren Leben nein. Die reale Geste zog nur die Entstehung der Fiktion nach sich. Dies führte zum Roman, den ich froh war zu schreiben und der mir viel Spaß gemacht hat. Ich schrieb an ihm und schrieb ihn immer wieder neu, nachdem ich das Manuskript mindestens zweimal in unterschiedlichen Ländern verloren habe. Ich bin leider nicht gut darin, Sicherheitskopien anzufertigen.

Schreibst du in Heften, an der Schreibmaschine oder am Computer?

Fredric Gary: In diesem Fall habe ich in Heften geschrieben. Es gab von diesem Roman so viele Versionen. 1992 begann ich damit in einem Heft Clairefontaine mit weißen Seiten. Anschließend schrieb ich weiter mit der Hand allerdings auf losen Blättern. 1998 habe ich intensiv am Manuskript gearbeitet, bevor ich es 2013 zu Ende geschrieben habe. Ich war damals in Avignon, in der südfranzösischen Provence, und schrieb an einer alten Schreibmaschine, die mir eine Freundin zur Verfügung gestellt hat. Das hat mich in der Geschichte voran gebracht, die ich schon überlegt hatte, liegen zu lassen. Der Roman entstand in 20 Jahren, auch wenn ich nicht in jedem Jahr daran geschrieben habe. Das lag daran, dass ich zwischendurch viele andere Projekte hatte.
Ein Teil der Geschichte blieb die ganze Zeit über bestehen – der Anfang –, während andere verschwunden sind, so wie auch einige Figuren. Zu Beginn hatte ich ein paar Dutzend Figuren, die in Prag waren und in Québec (Stadt), die ich wieder raus genommen habe, weil sie nicht wirklich in Verbindung zu den anderen Romanfiguren standen. Ich spürte, dass sie Teil anderer Romane sind, die ich vielleicht eines Tages schreiben werde.

Nicht Prag, nicht Québec (Stadt), aber Montréal, Santa Fe, Moncton, Berlin und New York sind Orte des Geschehens in Vertiges. Wie kam es zu dieser Auswahl? Warst du selbst an all diesen Orten?

Fredric Gary: Als ich anfing, an dem Roman zu schreiben, lebte ich in Montréal. 1994 ging ich dann nach Halifax. Das ist der Grund, warum auch Halifax in dem Roman existiert. 1995 kehrte ich nach Montréal zurück, kurze Zeit später ging ich via New Mexico nach Mexiko. Mexico taucht nicht wirklich auf, aber ich schrieb in New Mexico am Roman weiter. 1997 war ich in Costa Rica. Dort arbeitete ich nicht am Roman. 1998 war ich in der Türkei, weshalb der Roman in der Türkei endet. Das liegt daran, dass ich das Manuskript 1998 zu Ende schrieb. Alles was geschieht, der Höhepunkt, das alles schrieb ich bereits 1998. Und das ist auch die erzählte Zeit im Roman: die Jahre 1994 bis etwa 1997. 2013 habe ich es überarbeitet.

Die Welt ist in deinem Roman eine, die zusammengerückt ist, in der die geographischen Grenzen quasi inexistent sind. Entfernungen lassen sich schnell überwinden und deine Figuren, die vom selben Fleck auf der Welt kommen, treffen sich am anderen Ende der Welt wieder.

Fredric Gary: Wenn man die Möglichkeiten hat, dann reist man heutzutage immer mehr. Die Figuren in meinem Roman haben alle diese Möglichkeiten und das Reisen ist für sie einfach. Zuvor konnten sich das nur besser gestellte Leute leisten. Heutzutage reist fast jeder nach der Uni nach Europa oder woanders hin. Sie bereisen die Welt, arbeiten für NGOs, verbringen vier, fünf Monate im Ausland. All meine Figuren im Roman basieren auf Leuten, die ich kenne, die monatelang umher reisten. Meine Bekannten, oft Künstler, lebten so. Gerade Künstler sind viel unterwegs, weil sie eingeladen werden, auszustellen. Sie leben eine Zeit lang in einer Künstlerresidenz. So entstehen auch Fernbeziehungen. Ein befreundetes Paar z.B. durchlebte das vier Jahre; er lebte im Norden von Schweden und sie hier in Montréal. Das ist eine große Entfernung und das verlangt dem Einzelnen viel ab.

Und das führt zum Austausch. Wenn man reist, kann man den Anderen in seinem Land und in seiner Kultur kennenlernen.

Fredric Gary: Viel zu reisen führt auch dazu, dass die Welt schnell seine Exotik verliert. Ich meine, wenn man sich woanders bereits nach wenigen Tagen wie zu Hause fühlt. Als ich nach Tokio reiste, wo die Kultur anders ist, fand ich mich schnell zurecht. Einen Unterschied macht es an Orten, an dem die Kulturen noch sehr traditionell und ländlich sind. Aber selbst da habe ich den Eindruck, dass man sich schnell anpasst, eben weil wir soziale Wesen sind. Wir passen uns an und treten in Kontakt. Die englische Redewendung „no man is an island“ stimmt. Der Mensch ist ständig verbunden und die Neurologie ist gerade dabei zu zeigen, dass unsere Gehirne sich gegenseitig beeinflussen.

Damit zielst du auf die Wahrnehmung ab, der Umgebung, der anderen Menschen, der anderen Kulturen, aber auch auf die Suche.

Fredric Gary: Im Roman versuche ich mit der Wahrnehmung und Interpretation der Welt zu spielen. Viele meiner Figuren in Vertiges sind ein wenig verloren. Sie befinden sich in einer Phase des Dazwischen und leben einen Moment des Unbestimmten. Sie sind auf der Suche nach etwas, das selten bestimmt ist. Hope z.B. sucht nach dem jungen Dichter, weil sie verloren ist und nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie hat die Schule beendet und überlegt, ob sie mit dem Studium anfangen soll. Sie hat gerade ein traumatisches Ereignis erlebt: eine Explosion in einem U-Bahnhof. Es ist ihre Mutter, die sie auf eine Mission schickt und sie bezahlt die Reise. Hope sagt sich also, sie reist umher und tut ihrer Mutter so einen Gefallen. Sie sträubt sich aber ein wenig gegen das Ziel. Sie sucht den jungen Dichter nicht wirklich und versucht sogar, ihm aus dem Weg zu gehen. Als sie den Zug von Montréal nach Moncton nimmt, steigt sie in Moncton nicht aus, sondern fährt bis nach Halifax weiter. Sie sträubt sich gegen das Schicksal, das ihre Mutter für sie sieht.
Alle meine Figuren sind auf einer Suche, die undefiniert ist. Während ihrer Suche erreichen sie nicht das, wonach sie suchen, manchmal sogar eher das Gegenteil dessen, was sie wirklich wollen. So wie Victor, der versucht Bilder zu malen, die von den Gedichten Kazuos inspiriert sind. Allerdings gelingt es ihm nicht. Und Kazuo ist manchmal in seinen Beziehungen zu Frauen verloren. Jesús befindet sich im Prozess einer Neudefinition dessen, was er als Mann und in seiner Männlichkeit ist. Er wuchs in einer eher männerdominierten Kultur auf und entschied sich nun für eine sexuelle Unterwerfung. Alle versuchen das Gegenteil von dem zu werden, was sie gerade sind. Sogar Naguib mit seiner äußeren Erscheinung des netten Mediziners und guten Menschens. Auch er versucht sich gegen sein äußeres Bild des generösen Gutmenschens zu wehren. In seinem Inneren hat er dunkle und schaurige Phantasien, ob er sie auslebt, bleibt offen.

Sein inneres Verlangen führt Naguib zu einer Reise in das Berlin der 1990er Jahre. Warst du schon einmal in Berlin?

Fredric Gary: Ich war bisher noch nicht in Deutschland.

Wie hast du die deutsche Hauptstadt in den Roman eingeschrieben?

Fredric Gary: Mithilfe von Freunden. Ein Bekannter aus Nizza, den ich in der Provence kennengelernt habe, lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er macht dort Musik mit seiner Band The Berlin Buskerteers. Mit ihm habe ich über die Stadt gesprochen, die im Roman aber auch nicht bis aufs kleinste Detail beschrieben wird. Ich hatte den Eindruck, dass eine gewisse Seite der Stadt zu Naguib passte. Berlin hat sich seit den 1990er Jahren stark verändert. 1994, 1995 sah die Stadt anders aus als heute. Damals war es die Zeit für elektronische Musik und Hardcore. Diese Subkulturen gibt es auch heute noch, aber damals waren sie neuartig. Sie standen am Beginn der Coolness von Berlin.
Für Künstler meiner Generation gab es Anfang der 1990er zwei Orte, zu denen man musste: Berlin und Prag. Das waren die beiden Städte, in denen was passierte. Die Lebenshaltungskosten waren niedrig. In den 1920er Jahren war es so in Paris; Hemingway ging nach Paris. In den 1960ern war es Tanger, in Marokko. Die Künstler lassen sich oft dort nieder, wo es günstig ist. In den letzten Jahren war es Bukarest, davor war es Talin in Estland. Jetzt reden immer mehr Leute von Sofia, weil es derzeit die günstigste Stadt in Europa ist. So ist es immer. Die Künstler ziehen in das günstigste, benachteiligste, unterentwickelste Viertel einer Stadt. Ihnen folgt die homosexuelle Gemeinschaft und dann erfolgt die Verbürgerlichung, in dessen Zuge die Künstler in andere Viertel gedrängt werden. Als Manhattan zu teuer wurde, gingen die Künstler nach Williamsburg. Als Williamsburg zu teuer wurde, ließen sie sich in Greenpoint nieder usw. In Montréal wurde das Mile End zu teuer, eines der Stadtteile in Kanada mit der größten Dichte an Künstlern. Jetzt gibt es ein Verbund, Pi2, der für günstige Flächen für Künstler sorgt und somit einer Abwanderung entgegenwirkt.

In deinem Roman ist die Kultur omnipräsent. Es gibt viele Verweise auf Musiker, Songtexte, Gedichte und beinah jede deiner Figuren schreibt auf die eine oder andere Art und Weise oder ist der Kunst zugewandt.

Fredric Gary: Sie bringen so ihr Inneres zum Ausdruck.

Du selbst bist auch Sänger und hast bereits zwei Alben in englischer Sprache und 2006 das französische Album ÉVE RÊVE veröffentlicht.

Fredric Gary: Zwei Alben auf Englisch und zwei auf Französisch gemeinsam mit meiner Band Ariel. Ich arbeite gerade an einem neuen Album auf Englisch und stelle gerade auch meinen zweiten Roman fertig, der 2016 bei XYZ éditeur erscheinen wird.

Wenn du von einem neuen Roman sprichst, gibt es darin eine Fortsetzung von Vertiges?

Fredric Gary: Ein Großteil des Romans wird rückblickend erzählt. Ich kann einen kurzen Einblick geben: Es ist wieder die Figur des jungen Dichters Antoine Bourque, allerdings spielt es in der Gegenwart. Eines Tages lernt er eine junge Frau kennen – sie ist 19, er ist 44 – und sie erinnert ihn an Hope. Am Ende von Vertiges bleibt ja offen, was aus den beiden wird. In meinem neuen Roman hole ich das nach.
Antoine arbeitet mit der jungen und konfrontativen Frau zusammen. Sie sagt ihm, was sie über seine Gedichte und Lieder denkt. Sie begeben sich gemeinsam auf einen Roadtrip durch die USA und Mexiko. Als sie zurückkommen, verschwindet sie spurlos und ist nicht mehr in den sozialen Netzwerken auffindbar. Es ist als ob sie nie existiert hätte. Er versucht sie aufzuspüren, ist aber kein Mann der Tat, sondern verarbeitet das Erlebte und die Unwissenheit schließlich in Songs. Er komponiert zwölf Lieder für sie, die er dem künstlerischen Leiter seines Labels übergibt. Anschließend sucht er im Internet ein Flugticket für 1200 $, 100 $ für jedes Lied. Er wird fündig und reist für ein Jahr nach Tokio.
Die Geschichte schwankt zwischen seinem Aufenthalt in Tokio, der Erinnerung an die Reise mit der jungen Frau und Mexiko. Und seine Leidenschaft für guten Kaffee führt ihn vielleicht noch ganz woanders hin.

Da bin ich gespannt auf deinen neuen Roman und stelle dir noch eine letzte Frage: Welche Romane und Autoren der Québecer Literatur würdest du zur Lektüre empfehlen?

Fredric Gary: Perrine Leblanc. Ihren zweiten Roman Malabourg mochte ich sehr. Die Geschichte spielt in der Gaspésie, in der Nähe des Ortes, in dem ich aufgewachsen bin. Dann gibt es da eine junge Autorin, die Tochter von Patrick Nicol. Sie heißt Mikella Nicol und ihr Roman Les filles bleues de l’été. Es ist ein beeindruckender Debütroman. Bei Alto veröffentlicht die Übersetzerin und Autorin Dominique Fortier, die bezaubernde, oft historische Romane schreibt. Und dann ist da noch Le feu de mon père, ein tolles Buch, das ich vor Kurzem gelesen habe und das den Prix des collégiens erhalten hat. Anglophone Autoren der Québecer Literatur sind z.B. Rawi Hage und Robert Majzelz, der Maisonneuve’s dog geschrieben hat. Er ist auch Übersetzer u.a. der Akadierin France Daigle, die 2012 mit dem Prix du Gouverneur général für ihr Theaterstück Pour sûr ausgezeichnet wurde. Ann Michaels und die ersten Romane von Yann Martel. Jeder kennt Life of Pi von ihm, aber ich finde seine anderen Romane äußerst interessant, z.B. Self. Dann sind da noch meine ehemaligen Studienkollegen der University of Concordia Ibi Kaslik und Shanghanessy Bishop-Stall. Ibi Kaslik veröffentlichte 2008 bei Penguin The angels riots. Mir fallen noch ein Mary Di Michele und Gail Scott, die interessante Texte schreiben. Gail Scott und Daphné Marlatt sind Nicole Brossard sehr ähnlich. Absolut zu entdecken ist mein Freund und Autor Gerry Shikatani, auf dem die Figur Kazuo in Vertiges beruht. Er ist ein unterschätzter, wenig bekannter Dichter, der ein Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht hat: Lake and other stories.