Interview mit Hélène Lépine - quélesen
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Interview mit Hélène Lépine

Vom 26. Februar bis zum 2. März 2015 fand in der europäischen Hauptstadt die Buchmesse mit Québec als Ehrengast statt. Über 40 Autoren aus Québec waren vor Ort und stellten ihre Bücher vor. Auch Hélène Lépine überquerte zu diesem Anlass den Atlantik. Nach der Buchmesse in Brüssel verweilte sie noch ein wenig in Europa und fuhr mit dem Zug in eine weitere Hauptstadt, nach Berlin. Hélène Lépine studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und die russische Sprache. Sie lebte in Sofia, Moskau und Santo-Domingo. Derzeit lebt sie in Québec und ist in der Literatursendung „Les bouquins d’abord“ beim Québecer Radiosender Ckrl-fm zu hören. Un léger désir de rouge ist ihre vierte Veröffentlichung. Der Roman erschien 2012 bei Hamac und schaffte es 2013 unter die Finalisten für den Prix France-Québec.
Ich traf die Autorin im Friedrichshainer Café Louise Chérie und wir sprachen über ihren aktuellen Roman Un léger désir de rouge, der in diesem Jahr beim belgischen Verlag Luce Wilquin erschienen ist.

Welche Eindrücke hast du während deines Aufenthalts in Brüssel und Berlin von Europa gesammelt?

Hélène: In Europa sammle ich jedes Mal neue Eindrücke. Ich war bereits in vielen Städten, aber Brüssel kannte ich noch nicht. Wenn man auf einer Buchmesse empfangen wird, dann ist man Teil einer außergewöhnlichen Familie, in der jeder etwas anzubieten hat. Mich hat man sehr gut empfangen, weil mein Buch bei Luce Wilquin veröffentlicht wurde. Als ich dann in Berlin angekommen bin, landete ich in einer sehr lebhaften Stadt, in der alles lebendig wird, auch die Vergangenheit. Ich habe zwei Jahre in Osteuropa gelebt und Berlin erinnert mich an diese Zeit. Neben der Vergangenheit, die hier präsent ist, zeigt sich die Gegenwart anhand all der Kunstveranstaltungen und auch die Zukunft wird mitgedacht. In Berlin ist der Himmel voller Baukräne und es gibt viele Baustellen. Man spürt, dass sich die Dinge bewegen. Es gibt so viele junge Leute, viele Dinge zu tun, so dass man den Eindruck gewinnt, dass Morgen etwas Neues entstehen wird und Übermorgen wieder etwas Neues. Die Stadt wirkt sehr lebendig und ist sehr beeindruckend und dennoch nicht unendlich oder überzogen. Neben den gewaltigen Gebäuden gibt es etwas, dass für ein gutes Gefühl sorgt. Und auch der Rhythmus der Stadt passt ganz und gar zu mir, anders als der in New York.

Dein Roman Un léger désir du rouge, der 2012 bei Hamac in Québec erschienen ist, wurde in diesem Jahr beim franko-europäischen Verlag Luce Wilquin veröffentlicht. Was bedeutet das für dich, in Europa veröffentlicht zu sein, ohne dabei übersetzt zu werden? Wurden denn Änderungen in der Ausgabe vorgenommen?

Hélène: Nein, es gab keine Änderungen im Roman. Es gab aber ein bis zwei Anmerkungen als Fußnote, um ein Wort zu erklären, das ein Ausdruck im Québécois ist. Auch wenn es ihn in der französischen Sprache gibt, musste man ihn erklären, weil er nicht mehr aktuell ist.
Bei einem Verlag in Europa veröffentlicht zu sein, bedeutet für mich, von den Menschen in Europa gelesen zu werden. Das zarte Leben eines Buches ist oftmals kurz. Mit der Veröffentlichung bei Luce Wilquin wurde ich von Leuten gelesen, die für die Zeitung Le Soir und weitere belgische Zeitschriften arbeiten. Ich habe gemerkt, dass das Buch mit seinem Inhalt und seinen Bildern verstanden wurde. Das ist schön und neu für mich.

Du hast die Bilder, die du in deinem Roman erschaffen hast, erwähnt. Das bringt mich auf den Romantitel, der aus einer Passage in der Mitte des Romans entnommen ist, in der neben dem Rot auch Schwarz und Weiß thematisiert werden. Welche Bedeutung haben diese drei Farben für deine Protagonistin Toulouse?

Hélène: Die Bedeutung der Farben ist etwas, das ich zu Beginn nicht bis ins Detail durchdacht habe, sondern das sich vielmehr durch den Kontext von Toulouse ergeben hat. Die Erzählerin durchlebt eine schwere Krankheit. Sie hat Brustkrebs und verliert eine Brust. Alle Farbnuancen bis auf Schwarz verschwinden dadurch. Es gibt den Kontrast zu Weiß, denn sie ist nicht komplett passiv. Das Licht des Lebens versucht es hier und da, zu ihr durchzudringen. Das Schwarz veranschaulicht für mich den Verlust von Bestandteilen, die normalerweise Teil eines jungen Lebens sind, die das Leben und die Jugend ausmachen. Als sie dann das Rot wieder aufnimmt, wird ganz langsam die Leidenschaft von Neuem geweckt. Ich bin ihr darin gefolgt. Das Schwarz dominierte lange Zeit über, was den Roman hätte sehr bedrückend werden lassen können, aber die poetische Art und Weise, in der er mir von der Hand ging, verhinderte dies.

Der Roman ist in drei Teile unterteilt. Es gab die Diagnose, die Amputation der Brust, die Behandlung und all die Gefühle, die dies begleiteten. Toulouse bringt diese in Briefen zum Ausdruck, die sie an den imaginären Afrikaner namens Moumbala schreibt. Hat sie diese Form des Ausdrucks gewählt, weil sie sonst niemand anderen gehabt hätte, mit dem sie das Durchlebte hätte teilen können?

Hélène: Genau. Als Toulouse krank wurde und ihren einzigen Gesprächspartner, ihren Geliebten Odilon, verloren hat, tauchte sie wieder in ihre Kindheit ein. Dort gab es nur zwei Möglichkeiten der Kommunikation: die Stille, in der man zwar da ist, aber nicht spricht, und das geschriebene Wort, das es in dieser funktionsgestörten Familie gab. In ihrer Kindheit hatte sich Toulouse für die Stille entschieden und das körperliche Unwohlsein führte sie dorthin zurück. Sie fühlte sich wieder schlecht, so wie im Kreise ihrer Familie.
Sie brauchte Moumbala, weil Odilon nicht mehr da war, um mit ihr zu sprechen. Die beste Art sich auszudrücken, war es zu schreiben, so wie es ihr Vorfahr getan hat. Sie übernahm also diese Idee zu schreiben, richtete sich aber an Moumbala, der es ihr ermöglichte einen Bruch zu vollziehen und in das erträumte Afrika zu gelangen. Es ist ein Afrika, von dem sie weiß, dass es komplexer und komplizierter ist als in ihrer Vorstellung, aber sie hat sich auf eine naive Art und Weise ein perfektes Afrika erschaffen, das sie als einen perfekten Kontinent ansieht. Natürlich weiß sie, dass das der Realität nicht entspricht.

Der Name Moumbala ist ihr in einem Traum erschienen, der das Gegenteil zu ihrer nicht funktionierenden Familie darstellt. Toulouse ist 28 Jahre alt und hat fünf Geschwister. Ihre Eltern sind seit ihrer Kindheit immer unterwegs und nie da. Spiegelt dies dein Eindruck einer Familie in unserer aktuellen Gegenwart wider?

Hélène: Ich glaube nicht, dass das ein Modell ist. Man kann das nicht verallgemeinern. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen sehr beschäftigt mit ihrem Leben sind. Das Familienmodell, in dem der Vater und die Mutter arbeiten und für den Lebensunterhalt sorgen müssen, ist geläufig.
Ich bin nicht von einer Idee zu einem Modell ausgegangen, jedoch von der Art der Kommunikation der Menschen untereinander. Diese ist zuweilen schwierig, vor allem in einer Gesellschaft, in der jeder den Hang zum Individualismus hat. Die Beziehungen in dem kleinen Kreis der Familie bleiben die Quelle von Problemen oder in den glücklicheren Fällen eine Quelle des Glücks. Von dort geht alles weitere aus. Die Öffnung dem anderen gegenüber beginnt in der Familie. Im Fall von Toulouse bestimmt ihre Kindheit ihre Einstellung zum Wort, zur Stille und zur Akzeptanz ihrer selbst. Es war ihr Körper, der für sie gesprochen hat. Sie war Trapezkünstlerin und für diese Zeit, hat ihr Körper für sie gesprochen. Das Gleiche galt für einige ihrer Geschwister wie beispielsweise bei Paris, ihrem älteren Bruder und Louvaine, die Tänzerin ist. Jeder hat seine Art von Sprache gefunden, aber es ist keine Sprache im Austausch mit dem anderen. Oslo singt. Sie tauscht sich anhand ihrer Stimme mit anderen aus, aber es ist ein distanzierter Austausch. Louvaine befindet sich vor dem Zuschauer, aber es findet kein Austausch statt. Toulouse ist auf ihrem Trapez, aber auch hier findet kein Austausch statt. In jedem Fall gibt es eine Distanz und ich glaube, dass sie Teil unseres Lebens ist. Das idyllische Afrika in der Vorstellung von Toulouse tritt dem entgegen. In Afrika hat die Familie eine wichtige Bedeutung. Dort nimmt man die anderen auf und akzeptiert sie wie sie sind.

Du hast einige der Geschwister von Toulouse erwähnt. Alle tragen den Namen der Stadt, in der sie gezeugt wurden. Auf diese Weise ist die Welt in deinem Roman enthalten. Die Eltern sind Weltbürger, die in Delhi, in Paris, in Oslo, in Toulouse, in Louvain und in Coaticook waren. Im Kontrast dazu gibt es das Haus der Familie, das sich auf der Île d’Orléans in der Nähe von Québec (Stadt) befindet. Haben die Städte einen Einfluss auf die Persönlichkeit ihrer Namensträger?

Hélène: Es ist sehr interessant, dass du das fragst. Die Namen hatte ich im Kopf, bevor ich die Figuren in ihren raffinierten Details entworfen habe. Toulouse weiß, dass sie zwischen zwei Kontinenten auf dem Ozean geboren wurde. Sie ist im Ungleichgewicht und das Trapez dient ihr zum Ausgleich dieses Ungleichgewichts. Delhi ist derjenige, der sich um weniger vermögende Menschen kümmert und der denjenigen hilft, die kein Zuhause haben. Delhi liegt in Indien, aber die Idee für den Namen der Figur kam unabhängig davon, genauso wie die Menschen in seiner Umgebung, denen er hilft. Das hat sich unbewusst im Schaffensprozess so ergeben.
Oslo und ihr Norwegen, die Bar namens Bristol, in der sie singt, hat etwas Kühles und etwas Nordisches, aber das war nicht konzeptualisiert. Ich habe sehr lange über Toulouse nachgedacht, über ihre Halbschwester Louvaine und über Coaticook. Coaticook ist das schwache Kind. Schwach in der Hinsicht, dass er psychische Schwierigkeiten hat, instabil ist. Coaticook ist eine Kleinstadt in Québec. Allein schon der Klang von Coaticook deutet etwas an, das zerbrochen oder wackelig ist. Coaticook ist derjenige, der den Traum von einer harmonischen Familie aufrecht erhält und der gleichzeitig Probleme damit hat, sein Leben eigenständig zu führen.
Letztendlich entstehen die Dinge während des Schreibens und zweifelsohne gelangt die Welt durch die Namen der Figuren in den Roman und der Name koloriert die Figur.

Lass uns über Toulouse und die drei Teile des Romans reden. Zu Beginn von Un léger désir du rouge hatte sie ihren Platz im Leben als Trapezkünstlerin und Lebenspartnerin von Odilon in Montréal gefunden. Nach der Diagnose ist die Beziehung beendet und sie verlässt Montréal, um ins Familienhaus auf der Île d’Orléans zurückzukehren. Dort bleibt sie eine kurze Weile, um sich dann in eine Holzhütte im Wald während des Winters zurückzuziehen. Zum Ende kehrt sie nach Montréal zurück. Sie schwankt zwischen der „sprachlärmenden Stadt“, wie sie im Roman beschrieben wird, und Québec hin und her. Wie würdest du die Unterschiede zwischen diesen beiden Städten beschreiben?

Hélène: Als sie erfährt, dass sie Krebs hat, trifft sie eine Entscheidung darüber, wo sie nach der Operation leben wird und auch darüber, dass sie Odilon verlassen wird. Odilon ist derjenige, der sie am Boden gehalten hat. Jetzt ist er nicht mehr da und sie kehrt in dieses Haus zurück, das der einzige mögliche Ort ist. Sie verlässt die Stadt, die sie an Odilon erinnert. Sie geht nach Québec (Stadt), wo es auch die Möglichkeit zur Behandlung gibt. Es ist eine tolle Stadt, zu der sie mit der Zeit eine Distanz entwickelt. Als sie auf der Insel ankommt, kehrt sie zu ihrer Kindheit zurück und zur Natur. Das ist wichtig für sie, denn dort erkennt sie das, was sie „das Archipel der Isolierten“ nennt. Die Menschen leben zwar nebeneinander, sind aber voneinander isoliert. Das Familienhaus ist nicht warmherzig und bald verspürt sie den Wunsch, das „Archipel der Isolierten“ zu verlassen und zum „Kontinent der anderen“ zurückzukehren. Und dieser „Kontinent der anderen“ ist diese Stadt, in der sie glücklich war und die von anderen Sprachen nur so lärmte.
Sie verkörpern die beiden Pole der Stille und der Kommunikation. Die Stille ist die wunderschöne Insel, aber das Schöne reicht ihr nicht aus. Sie hat das Verlangen zu kommunizieren, was sie wieder nach Montréal führt. Aber die Erkenntnis ist Teil eines Prozesses, der in den Briefen an Moumbala stattfindet. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird das Gespräch zu einem Bedürfnis und sie braucht Antworten. Montréal kommt diesem Bedürfnis nach, die Stadt antwortet ihr im Gegensatz zu Québec, wo es keine Antworten gibt.

Als sie wieder in Montréal ist, beginnt sie an einer Zirkusschule zu unterrichten. Sie selbst arbeitet nicht mehr als Trapezkünstlerin, denn sie sieht sich nur noch als Amazone. Sie hat ihre Weiblichkeit verloren und fühlt sich nicht mehr begehrenswert. Ihr jüngster Bruder, der Kleidung entwirft, hilft ihr dabei, das Gefühl ihrer Weiblichkeit wiederzuentdecken. Er schenkte ihr zuerst ein Clownkostüm und dann ein wunderschönes Kleid, das sie erst nur anprobiert und dann tatsächlich trägt. Ganz langsam beginnt sie sich wieder als Frau wahrzunehmen.

Hélène: Der Roman hätte bedrückend sein können, wären da nicht die Möglichkeiten des Schreibens. Wie kann man sich vorstellen, dass eine Frau im Alter von Toulouse eine Brust verliert und damit ihre Weiblichkeit, und sich dann von heute auf morgen wieder feminin fühlt. Die Wiedereroberung ihres Körpers braucht Zeit und die Kleider ihres Bruders helfen ihr dabei. Er schenkt ihr Weihnachten ein zweites Kleid. Und dann ist da noch der Überfall auf sie, bei dem ihr in den Bauch geschlagen wird. Sie spürt einen Schmerz und ihr wird klar, dass es noch weitere essentielle Attribute gibt, die die Weiblichkeit ausmachen. Damit wird die langsame Eroberung ihres Körpers eingeleitet. Der Körper ist das eine, aber dann ist da noch der Geist und beides entwickelt sich nicht zur gleichen Zeit. Der Körper funktioniert oftmals unabhängig von uns. Die Rückkehr zu ihrer Weiblichkeit geschieht anhand unterschiedlicher Mittel. Coaticook liefert eines davon.

Ich möchte das Interview gern mit einer letzten Frage beenden: Liest du Literatur aus Québec?

Hélène: Allein schon für die Literatursendung im Radio lese ich viel. Dort versuche ich vor allem die Bereiche vorzustellen, die sonst weniger präsent in den Medien sind. Ich spreche viel über Dichtung und lese sehr viele Gedichtbände und auch Romane. Oft lerne ich andere Autoren kennen, wie auf der Buchmesse in Brüssel, die ich vorher nicht kannte. Den Roman Les filles en série. Des Barbies aux Pussy Riot von Martine Delvaux werde ich mir schnellstens besorgen und lesen. Ich denke, dass die Québecer Literatur sehr lebendig ist. Ich war aber auch schon immer eine Leserin ausländischer Literatur und ich liebe es in den Sprachen zu lesen, die ich gelernt habe und die ich weiterhin sprechen und lesen möchte.