Un léger désir de rouge von Hélène Lépine

Toulouse, Delhi, Louvaine, Paris, Oslo und Coaticook sind die Kinder der Julliens. Sie tragen die Namen der Städte, in denen sie von ihren weltbürgerlichen Eltern gezeugt wurden. Danach führten sie sie ins Familienhaus auf der Île d’Orléans inmitten des Sankt-Lorenz-Stroms. Für ihre Kinder allerdings sind sie zu oft abwesend. Es ist die Großmutter Lili, die ihnen beim Vorlesen aus den Tagebüchern des Vorfahren François-Marie ein Gefühl von Familienzusammengehörigkeit und Geborgenheit vermittelte. Doch sie war eines Tages fortgegangen und jedes der Kinder musste seinen eigenen Weg finden. Oslo wurde Sängerin, Delhi Sozialarbeiter, Louvaine Tänzerin und Toulouse kehrte dem Familienhaus den Rücken und schloss sich als Trapezkünstlerin einer Truppe an. Ihr Trapezpartner Odilon wurde auch zu ihrem Partner im Leben und sie wohnten gemeinsam in Montréal, wenn sie nicht auf Tour waren. Doch dann schlägt sie die Tür hinter der gemeinsamen Wohnung zu und kehrt zurück in das Familienhaus, in dem Louvaine und Coaticook die ständigen Bewohner sind. Die Diagnose Krebs und der Verlust der einen Brust hatte Odilon von ihr entfernt und sie mit ihren 28 Jahren wieder in den Kreis ihrer Familie geführt, von der sie sich jedoch vergeblich Trost und Unterstützung erhofft.

Zuspruch holt sich Toulouse in all den Phasen, die nach der Diagnose, Trennung und dem Lebensumbruch über sie einbrechen, in Briefen, die sie an den phantasierten Afrikaner Moumbala richtet. Afrika war das Land, in das es den Vorfahr im 18. Jahrhundert geführt hatte und dessen Bücher im Besitz der Familie geblieben sind. Mit dem Fokus auf Moumbala und dem perfekten Land, das er in ihrer Vorstellung symbolisiert, gelingt es ihr zumindest ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, was dem Schweigen widerspricht, das sie in ihrer Kindheit verinnerlicht hatte.

Ein Jahr über begleitet Hélène Lépine ihre Protagonistin Toulouse, wie sie sich nach der medizinischen Behandlung und dem Verlust ihres vorherigen Lebens zurück ins Leben kämpft. Weil sie sich im Elternhaus fehl am Platz fühlt, überwintert sie in einer Holzhütte im Wald eines Bekannten, der sie unterstützt. Danach kehrt sie wieder nach Montréal zurück und findet dort neue Weggefährten und neuen Mut. Sie beginnt sich wieder weiblich zu fühlen und unterrichtet nun andere in der Trapezkunst.

Auf eine sehr poetische und zurückhaltende Art und Weise nähert sich Hélène Lépine in Un léger désir de rouge dem bedrückenden Thema der lebensbedrohenden Krankheit an, die in immer jüngeren Generationen diagnostiziert wird und zeigt wie Toulouse wieder Herrin ihres eigenen Körpers und ihres Lebens wird.

 

 

Hélène Lépine: Un léger désir de rouge
Roman
Hamac, 2012
170 Seiten
18,95 $

 

 

2013 zählte Un léger désir de rouge von Hélène Lépine zu den Finalisten des Prix littéraire France-Québec. 2015 erschien der Roman beim belgischen Verlag Luce Wilquin.

Ein Zitat:
« Tant de naïveté à votre sujet, Moumbala, me vient de la lecture simplifiée des carnets de l’ancêtre qui nous faisait ma grand-mère Lili de sa voix flûtée. François-Marie Jullien racontait son Afrique, celle où le roi des Français avait envoyé son bataillon à la fin du dix-huitième siècle. Il faudrait que je suive le fleuve, que j’emprunte la mer et atteigne vos rivages. Vous décrouvrir tels que vous êtes maintenant, dans vos maisons qui ne sont plus forcément des cases, au cœur des violences tragiques qui bouleversent vos nations et nous menacent de cloisonnement vous aussi.
Aussi longtemps que duraient les histoires de l’ancêtre, les mains de Paris jouaient avec les boucles noires de Louvaine, Coaticook se collait aux flancs d’Oslo, Delhi me tenait par les épaules et posait les questions pour moi quand je n’avais pas compris. François-Marie nous remeutait, nous nous accrochions à sa lignée et pouvions alors abattre les cloisons érigées et ressembler à une famille. Nous étions les Jullien, jusqu’à ce que grand-mère Lili retire ses lunettes et range les cahiers fanés. Lili l’ange aux cheveux d’argent est morte et, avec elle, ce rêve timide de famille ouverte que j’entretenais. » – Hélène Lépine: Un léger désir de rouge, Hamac, 2012, S. 27-28