Un vent prodigue von Simone Chaput

Un vent prodigue erzählt eine Familiengeschichte oder vielmehr eine Geschichte von Menschen, die unterschiedlichen Generationen angehören und die durch familiäre Bande miteinander verbunden sind, mehr aber auch nicht. Simone Chaput, Autorin und Dozentin aus der kanadischen Provinz Manitoba, erzählt in ihrem vierten französischsprachigen Roman Lebensausschnitte von Charlotte Coulognes, Mutter von vier Kindern, die sich weigert aus ihrem Haus auszuziehen, um es gegen ein Altersheim einzutauschen, von Yvan und Adrienne, die zwar eine Beziehung führen, aus der zwei Kinder entstanden sind, die sich aber beide hauptsächlich ihrem Beruf widmen und von ihren Kindern Magali und Miguel, die die Welt mit anderen Augen sehen und ein anderes Leben führen, als ihre Eltern gedacht bzw. erwartet haben.

Magali ist eine junge, unabhängige, kreative Frau, die mit den Männern ihr Spiel treibt. Ihre Mutter Adrienne ist Ethnologin und immer auf der Suche nach Traditionen anderer Völker. Regelmäßig verlässt sie ihr zu Hause, um in die Rolle der Beobachterin fremder Kulturen zu schlüpfen wie z.B. in Nunavut. Yvan ist Professor, der während der Abwesenheit seiner Frau ab und an den Reizen seiner Studentinnen unterliegt. Sein Sohn Miguel ist auch eher ein Frauenheld als ein treuer Partner. Als seine Freundin Justine allerdings an Krebs erkrankt, ist er für sie da.

Der Roman stellt verschiedene, vorwiegend schwierige Momente im Leben eines Menschen dar. Es ist ein Auszug aus den Leben der Protagonisten und ein flüchtiger Blick auf ihre Gedanken. Mögen sich zwar so manche von ihnen ähneln, bleiben sie doch unausgesprochen und stehen einem ausgewogenen Miteinander scheinbar im Weg. Die verschiedenen Erzählstränge, in denen jeweils eine der Hauptfiguren im Fokus steht, kreuzen sich selten. Wenn nicht gerade der Sohn seiner Mutter, der Vater seiner Tochter, die Enkelin der Oma oder der Sohn seinem Vater einen Besuch abstattet, existieren sie parallel nebeneinander. Vielmehr werden die starken Charaktere der Einzelnen bei ihrem Versuch, das Leben für sich allein zu bestreiten, gezeigt. Die verschiedenen Generationen unterscheiden sich derart in ihren Ansichten und Ansprüchen, so dass ein Miteinander durch die Verwandtschaftsverhältnisse beinah erzwungen zu sein scheint.

Der mehrstimmige und fragmentarische Roman Un vent prodigue ist der sechste Roman der Autorin, von denen zwei in englischer Sprache erschienen sind. Weiterhin zählen zahlreiche Kurzgeschichten zu ihrem Werk.

 

 

Simone Chaput: Un vent prodigue
Roman
Leméac, 2013
240 Seiten
24,95 $

 

 

Für Un vent prodigue erhielt Simone Chaput 2014 den Prix des lecteurs Radio-Canada und den Prix Champlain.

Ein Zitat:
« Elle sait, avant même qu’il ait levé le doigt, qu’il va s’installer dans la chaise en face d’elle. Il plane, là, à la limite de son champ visuel, l’air ingénu, le regard désemparé. Elle a pourtant fait de son mieux pour délimiter son territoire dans ce café bondé. La petite table de bistro est encombrée de ses effets, elle a les yeux rivés sur l’écran de son ordinateur, des écouteurs lui bouchent les oreilles, le message est clair et sans équivoque : je travaille, je ne veux pas qu’on me dérange, foutez-moi la paix.
Par-dessus le blues de Bobby Bazini, elle l’entend murmurer : Ça vous gênerait, mademoiselle, si je… et, l’index tendu, il désigne la chaise vide. Sans répondre, sans même lever la tête vers lui, Magali s’applique, d’un air excédé, à débarrasser l’autre moitié de la table. Le type y place sa tasse de café, son portable et, bien en évidence, son livre, La dissémination de Jacques Derrida. Elle ne connaît ni l’auteur ni le bouquin, mais la chose est si inusitée – un homme avec un livre dans un cybercafé – qu’elle se permet un coup d’œil.
Il y a longtemps qu’elle a cessé d’espérer. Plus jeune, quand on s’approchait d’elle, comme ça, dans un bar ou un café, sa tête se remplissait du bruit de son sang. Elle s’imaginait qu’il était encore possible de découvrir parmi la gent masculine des exemplaires étonnants, inédits, ou même tout simplement beaux. Depuis, elle a découvert, avec regret, qu’ils se ressemblent presque tous. Portés sur les gadgets, la baise ou le pognon, ils parlent trop, le plus souvent, et ne savent pas écouter. » – Simone Chaput: Un vent prodigue, Leméac, 2013, S. 23-24