L’enfance de l’art von Jérôme Minière

Ein durchschnittlicher Typ mittleren Alters namens Benoît Jacquemin, der der Liebe wegen von Frankreich nach Québec gegangen ist, arbeitet als Bankangestellter. Nach getaner Arbeit schlendert er durch sein Viertel Rosemont rund um die Plaza Saint-Hubért. Mit seinem Freund steht er kurz vor einer entscheidenden Änderung in seinem Leben: die Adoption eines Kindes.

Eigentlich könnte alles so bleiben wie es ist. Doch eines Tages zieht auf seinem Weg eine Taube seine Aufmerksamkeit auf sich. Minutenlang steht er der am Boden hockenden Taube gegenüber. Beide beäugen sich. Dann fällt ihm am Fuß der Taube ein Röhrchen auf, dessen Inhalt – ein Mikrofilm – er an sich nimmt. Dieses eigenartige Treffen katapultiert ihn gegen seinen Willen in eine Reihe von merkwürdigen Bekanntschaften und Abenteuern. Es beginnt eine abstruse Geschichte, die durch das Treffen eines als Obdachlosen verkleideten Uniprofs eingeleitet wird, der auch Duc genannt wird. In seiner eigenartigen Wohnung hat er Benoît ein Büro eingerichtet, wo er die unterschiedlichsten Geschichten liest, die angeblich der sagenumwobene Québecer Autor Réjean Ducharme verfasst haben soll. Dieser ist auf der Suche nach einem Autor, für den er schreiben kann und Benoît Jacquemin ist sein Auserwählter.

Jérôme Minière, Musiker, der in Québec kein Unbekannter ist, hat sich in L’enfance de l’art dem geschriebenen Wort zugewandt und die Figur Benoît Jacquemin erschaffen. Er ist Protagonist und wird stellenweise zum Leser derselben Geschichten, die der Leser in dem Buch liest. Die sechs Geschichten, die Réjean Ducharme angeblich via Tauben an den Duc schickt, die dieser dann transkribiert und Benoît auf den Tisch legt, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind mal eine Legende, mal eine Detektivgeschichte, mal eine Liebesgeschichte und dann ein wenig von allem. Aber wer schreibt diese Geschichten nun wirklich? Und ist Benoît tatsächlich im Besitz eines Wohnungsschlüssels, der ihm die Tür zu einem außergewöhnlichen Ort öffnet? Der Autor Jérôme Minière lässt die Grenzen zwischen Traum, Phantasie, Imagination und Realität in seinem Debütroman verschwimmen. Seinen Protagonisten Benoît Jacquemin führt er für eine Weile aus seinem Alltagstrott heraus. Durch seine Abenteuer und die Geschichten, die er liest, entfernt er sich zunehmend von seinem Freund Antoine. Findet Benoît Jacquemin am Ende wieder zur Realität zurück?

L’enfance de l’art ist ein gelungener Roman voller kultureller Verweise. Er nimmt den Leser, nicht nur den Protagonisten, mit auf eine Abenteuerreise, auf der es einiges zu entdecken gibt. Eine einzige Lektüre wird da kaum ausreichen, um alle Details und Hinweise zu entdecken, so fängt man am besten gleich wieder von vorne an, nachdem die letzte Seite umgeschlagen ist.

 

 

Jérôme Minière: L’enfance de l’art
Roman
Quai n° 5, 2014
314 Seiten
24,95 $

 

 

Ein Zitat:
« Mon nom est Benoît Jacquemin. J’ai quarante ans, mitan d’une vie ordinaire qui, selon toute vraisemblance, ne devrait pas constituer une matière bien intéressante pour un livre. Mais puisque je suis ici, il faut bien que je me présente.
Je suis né dans un pays moyen, de par sa superficie, sa culture et son économie : la France. Venu au monde dans une région elle-même moyenne, qui par défaut a été nommée « Centre » parce qu’elle se trouvait coincée tout au milieu, juste en dessous du vrai centre névralgique du territoire : Paris. On m’a inscrit à l’état civil dans une ville moyenne, elle aussi : Orléans. Logiquement, mes parents appartenaient à la classe moyenne et j’ai vécu une enfance et une adolescence on ne peut plus normales.
J’ai passé le bac avec des notes moyennes, puis étudié l’économie à l’université, sans me distinguer de la moyenne des étudiants. Être un type sans histoire me convient très bien. Me fondre dans la masse, ne pas dépasser la limite, ne pas dire un mot plus haut que l’autre. Je me suis donc entraîné à rester quelqu’un d’anodin. Malgré tout, des choses arrivent dans la vie, même à ceux qui comme moi cultivent la modération. Et c’est sans doute pour le mieux, sinon le livre que vous vous apprêtez à lire serait d’un ennuit terrible. » – Jérôme Minière: L’enfance de l’art, Quai n° 5, 2014, S. 9-10