Ryad Assani-Razaki auf dem 14. internationalen literaturfestival berlin

Als ich den Roman Iman zu lesen begann, habe ich das Buch in den nächsten paar Stunden nicht mehr aus der Hand gelegt. Ich wurde durch die Erzählungen und Geschichten der Figuren so in den Bann gezogen, dass ich erst bereit war wieder in mein Hier und Jetzt zurückzukehren, als ich das Ende der Geschichte kannte.

In dem Roman geht es um Freundschaft, Kindheit, Identität und ein (selbstbestimmtes) Leben. Müsste der Autor seinen Roman in drei Worten beschreiben, wären das persönlich, Zuhause und Kontakt. Als Ort der Geschichte wählte er eine namenlose Stadt irgendwo in Afrika, vielleicht dem westafrikanischen Benin, aus dem der Autor stammt. Als Zeit wählte er eine Spanne, die sich den wandelnden Umständen, Bedingungen und Voraussetzungen während drei Generationen widmet (von den 1960er bis 2000).

Der Roman wird eröffnet durch eine Szene, in der ein Vater seinen Sohn einer Frau namens Tante Caro übergibt, die ihn vom Land mit in die Stadt nimmt und seinem Vater im Austausch 23 € überlässt. In der Folge führt der Autor weitere Charaktere ein, deren Schicksal jedes für sich allein derart beeindruckend und tragisch ist, dass man mit ihnen fühlt. Im Vordergrund stehen dabei Toumani, Iman und Alissa, die sich von fremd bestimmten Kindern zu jungen Erwachsenen entwickeln und, gerade durch ihre Verbindung zueinander motiviert, versuchen Herr ihres eigenen Lebens zu werden. Nacheinander lässt Assani-Razaki die Figuren zu Wort kommen, nur Iman spricht nicht selber. In einem Gespräch mit dem Autor unmittelbar vor einer Veranstaltung im Rahmen des 14. internationalen literaturfestivals berlin in der vergangenen Woche erklärte er mir diesbezüglich, dass Iman stellvertretend für jene steht, die ihre Heimat verlassen haben. „Ich wollte keine Figur, die sich rechtfertigt, die sich entschuldigt. Hätte ich Iman zu Wort kommen lassen, ihn erklären lassen, warum er weg wollte, hätte das sehr schnell zu solch einer Debatte geführt, in der er sagt, ‘Voilà, ich möchte weg, ich entschuldige mich dafür.’ Ich bin davon überzeugt, dass es interessanter ist, Eindrücke spürbar zu machen, die Figur vorzustellen, seine Beweggründe zu vermitteln durch Menschen, die ihn beobachten, durch Menschen aus seinem Umfeld, die ihm nahe oder weniger nahe stehen. Ich fand es interessanter die Persönlichkeit der Figur durch die Blicke Außenstehender zu zeigen“, erklärte der Autor. Die Summe der unterschiedlichen Perspektiven, in denen die Rede von Iman ist, zeigen schließlich, wer er ist. So erzählen in den elf Kapiteln des Romans Hadscha, die streng gläubige, verwitwete Großmutter von Iman, Zainab, seine eigenwillige, rebellische Mutter, Désiré, sein Halbbruder, sowie Alissa und Toumani ihre Geschichte und irgendwie auch die von Iman.

Während der familiäre Hintergrund von Toumani und Alissa überwiegend unbekannt bleibt, hat Iman, dessen Leben von Anfang an in der Stadt stattgefunden hat, eine Mutter und eine Großmutter, die ihre eigenen Lasten zu tragen hatten und Iman nicht das bieten konnten, wonach er gesucht hat. Die Drei, die ihre Eltern im Laufe der Zeit vergessen haben und die ohne jegliche Bezugsperson keine Werte des Lebens vermittelt bekamen, geben sich gegenseitig Halt und einander das Gefühl von Menschlichkeit und Wertigkeit.

Während der Veranstaltung im Rahmen des 14. internationalen literaturfestivals berlin lasen der Autor und Jörg Petzold Passagen aus der Originalausgabe und der deutschen Übersetzung. Die Moderatorin Sonja Finck, die den Roman übersetzt hat, stellte den Band im Gespräch mit Assani-Razaki vor, in dem es u.a. um den Traum von Iman ging, seine Heimat zu verlassen.

Als der Roman im März 2014 beim Berliner Verlag Klaus Wagenbach veröffentlicht wurde, ging Ryad Assani-Razaki auf eine erfolgreiche Lesetour durch Deutschland. Der Autor, der zurzeit in Toronto lebt, erinnert sich einerseits daran, dass es anstrengend war, andererseits aber, dass er von der Geduld des Publikums beeindruckt war sowie von der lebhaften Wahrnehmung der Botschaft seines Romans.

Derzeit schreibt er er an seinem dritten Roman. Für Assani-Razaki ist Schreiben, was für andere Tanzen oder Schwimmen ist. „Es ist etwas, das ich tue, weil es mir gut tut. […] Ich schreibe, weil ich das Bedürfnis habe, Zeit in einem bestimmten Universum zu verbringen, das ich erschaffen kann. Es ist also etwas Persönliches. […] Für mich ist Schreiben zudem ein Weg, auf die Fragen zu antworten, die ich mir stelle, ein Mittel, auszubrechen, mich abzulenken, etwas zu schaffen und danach kann es andere berühren.“ So dienen ihm seine Figuren nicht dazu, seine Meinung zu transportieren sondern Dinge zu verstehen, die ihn beschäftigen. Wir dürfen also gespannt sein, was als Nächstes kommt.

Auf meine abschließende Frage, ob es einen Roman aus der Québecer Literatur gibt, den er besonders mag, nannte er Ru von Kim Thúy. Ein Roman, der bereits in deutscher Sprache vorliegt.