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Poesie to go in Montréal

von Jana Nürnberger

Der November ist der Monat, in dem man in Québec anfängt, Häuser und Straßen winterfest zu machen und Mützen und Handschuhe herauskramt, um sich auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten. Gleichzeitig ist der Herbst die Zeit, in der der literarische Betrieb nach der Sommerpause wieder volle Fahrt aufnimmt. Verlagsneuheiten werden publiziert und vorgestellt, die Auswahllisten von Literaturpreisen enthüllt. Beim Festival international de la littérature und dem Salon du livre in Montréal kann man sich mit Lesestoff für die bevorstehenden Winterabende eindecken. Gerade im Bereich der Poesie wird mit viel Kreativität jede Gelegenheit genutzt, um diese in unterschiedlichsten Formen zu präsentieren und zu verbreiten. So konnte es Liebhaberinnen und Liebhabern dieser Literaturform zu Beginn des Winters passieren, dass sie ihre Handwärmer abstreiften, um das Smartphone besser bedienen zu können, weil sie eine Benachrichtigung von der App Totemi erhalten hatten: „Vous avez trouvé un poème de France Théoret.“ Daraufhin lauschten sie dem Gedicht, das sich zu den Schätzen ihrer digitalen Sammlung gesellte, und vergaßen dabei für einen Augenblick die Kälte und das Gedränge in der U-Bahn-Station.

Mit den Worten „Vous n’êtes plus seuls, vous avez maintenant la poésie!“ kündigte die Maison de la poésie auf ihrer Facebook-Seite das Projekt PoésieGo! an, das das Festival de la poésie in Montréal gemeinsam mit der Société de transport de Montréal und der gemeinnützigen Vereinigung Magnéto, die Radiosendungen und Podcasts produziert, initiiert hatte. Die Stimmen von vier Schauspielerinnen und Schauspielern, die achtzehn unveröffentlichte Gedichte vertonen, begleiteten die Montréaler zwischen dem 13. November und 15. Dezember 2017 durch den winterlichen Alltag. In verschiedenen U-Bahn-Stationen konnte man sich mit der App auf die Suche nach den Totemi begeben und an diesen kleinen elektronischen Kästchen die Aufnahme je eines Gedichts sowie Informationen dazu aufs Handy laden. Die Schweizer App Totemi wurde für eine neue, interaktive Form der Entdeckung von Orten anhand von digitaler Beschilderung entwickelt. Im Falle von PoésieGo! verlieh die App der Fortbewegung durch den Montréaler Alltag im Jahre des 375. Jubiläums der Stadt eine neue Dimension und erlaubte es, sich gerade in der stressigen Vorweihnachtszeit aus dem geschäftigen Treiben auszuklinken, sich von den Gedichten an andere Orte oder tief in sich selbst hineintragen zu lassen und die Welt mit neuen Augen wahrzunehmen. Ein poetischer Rundgang stand nicht nur für die U-Bahn-Stationen zur Verfügung, sondern war auch beim Salon du livre in Montréal zu finden. Teilnehmende konnte man dabei beobachten, wie sie die Augen fest ans Smartphone geheftet wie ferngesteuert durch die Messe geisterten. Was denjenigen, die das Buch in Papierform schätzen und sich nicht zu den Digital Natives zählen, befremdlich erscheinen mag, entspricht ganz dem, was die Québecer Poesie heute ist: Eine Kunstform, die mit der Zeit geht, neue Formate und Publikationsformen erprobt, sich einen festen Platz im Alltag sucht und einem breiten Publikum zugänglich ist.

Insgesamt gibt PoésieGo! einen guten Überblick darüber, was die aktuelle Poesie Québecs kennzeichnet. Die zwölf ausgewählten Dichterinnen und Dichter gehören verschiedenen Altersgruppen an, sind unterschiedlicher Herkunft, haben zwei oder mehrere Gedichtbände veröffentlicht, sind engagierte Akteure im poetischen Leben und schreiben auf sehr unterschiedliche Weise über Themen, die uns alle betreffen. Dazu zählen Krankheit, das eigene Altern und die Endlichkeit des Lebens. Im Gedicht von France Théoret, die als Poetin, Romanautorin und Essayistin seit den 1970er Jahren eine unumgängliche Figur in der Québecer Literatur und eine der bedeutendsten Stimmen des weiblichen Schreibens ist, zwingt die Krankheit das lyrische Ich zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Das Leben wird zum „acte résistentiel du matin“. Von der Müdigkeit des eigenen Körpers handelt auch das Gedicht der in Pessamit als Angehörige eines Stamms der Inuit geborenen Joséphine Bacon. In den zwei Sprachen, in denen die Autorin ihre Gedichtbände veröffentlicht, Innu-Aimun und Französisch, werden Erinnerungen an die Kindheit in der „terre d’enfance“ evoziert. Gedanken zu den ersten Schritten des lyrischen Ichs überlagern sich mit solchen, die um die zunehmend schwachen Beine und das eigene Altern kreisen. Der Klang der Poesie in fremder Sprache zeigt, wie Poesie allein durch ihre lautlichen Merkmale und ihren Rhythmus wirken kann. Rosalie Trudels Gedicht „Tu ne pèses rien“ ist an ein Du gerichtet, das im Verschwinden begriffen ist und sich langsam wieder den Weg zurück in die Welt bahnt. Im Gedicht der in Buenos Airos geborenen Poetin und Übersetzerin Flavia Garcia wandelt sich das Schweigen angesichts der Angst vor dem eigenen Schicksal, vor dem Tod und vor Einsamkeit in „un nouvel alphabète, un nouvel ordre pour dire l’immense du monde“. Diese werden in der Poesie zum Ausdruck gebracht. Das lyrische Du findet seine Sprache wieder: „tes lèvres bougent, tu parles“. Ian Ferriers zweisprachiger Beitrag führt die Vergänglichkeit der Erde und der ganzen Menschheit vor Augen. In „Lettres de l’ère glaciaire/ Letters from the Ice Age“ bricht eine neue Eiszeit an, deren Trostlosigkeit und Kälte durch metallene Klänge im Hintergrund unterstrichen werden. Der Poet, Performer und Gitarrist vereint in seinen Bühnenshows nicht nur verschiedene Kunstformen, sondern auch in seinem Werk die anglophone und frankophone Szenen Québecs, die sonst noch weitgehend getrennt voneinander existieren. Der Text zeigt den für die Provinz typischen Sprachenmix, wenn von „glace“, „permafrost“, „neige“ und „frozen love“ die Rede ist.

Die Gedichte der Angehörigen der Generation Y spiegeln die Fragen und Probleme, die letztere umtreiben: Wer bin ich, was ist der Mensch und was sind zwischenmenschliche Beziehungen in einer durch Kapitalismus, Vereinzelung, Selbstverwirklichungsdrang und Umweltzerstörung geprägten Welt? Die Texte sind häufig durch einen kritischen, ironisierenden Ton geprägt. Toino Dumas‘ Gedicht „Une torsion de terre“ zeigt das lyrische Ich, den menschlichen Körper in einer feindlichen, vergifteten Umwelt und die dadurch generierte Angst. Dumas hinterfragt in seiner Dichtung überdies die Identität von Geschlechtern. In Laurance Ouellet Tremblays Text berichtet ein neurotischer Theaterdekorateur von seiner Arbeit, in der er völlig aufgeht. Renée Gagnon karikiert in ihrem Beitrag die wortreiche Entschuldigung eines lyrischen Ichs: „excuse, je savais pas, je sais, je suis désolé, je savais pas, je sais rien.“ Über sechs Minuten lang bittet ein Sprecher um Verzeihung für etwas, das nicht genannt wird. Die Hintergrundgeräusche lassen vermuten, dass er sich dabei vor einer geschlossenen Wohnungstür befindet. Er gerät immer mehr ins Stocken und verstummt schließlich: „la prochaine fois je vais […] même si… si… si…“ Die Poetin, Slammerin und Theaterautorin Marjolaine Beauchamp skizziert den Alltag und die Probleme der Jugend in stark markiertem Québécois und ironisiert das Bedürfnis, die eigenen Emotionen zu überbewerten und zur Schau zu stellen: „vas-y, creuse, belle nature morte, peut-être que tu creuses trop, cinquante-deux excuses pour devenir une victime, full sorry, […] juste un jeu, une game“.

Weitere Gedichte, die bei PoésieGo! zu hören sind, stammen von René Lapierre, der in „Toutes les villes sont en papier“ eine alltägliche Szenerie auf der Straße beschreibt und dabei zu einer neuen Wahrnehmung der Umgebung einlädt, von Rodney Saint-Éloi, der mit „La fille du baobab brûlée“ die Hörerinnen und Hörer aus der Kälte Québecs in die Wärme und Mythologie Haitis entführt, sowie von Jean-Marc Desgents, der in „Il y a toujours un arbre sans feuilles“ Not und Leid in der Kindheit thematisiert, die im Erwachsenenalter nachhallen.

Auf poesiego.com wurden die Gedichte, die die Vielfalt der Themen, Stimmen, Klänge und Formen der aktuellen Poesie in Québec wiedergeben, nach und nach publiziert und stehen nun auch Interessierten zur Verfügung, die den Rundgang PoésieGo! selbst nicht machen konnten. Wer dadurch auf den Geschmack kommt und noch tiefer in die Poesie Québecs eintauchen möchte, erhält Anregungen auf quélesen, nach dem Motto „Nous ne sommes pas seuls. Nous avons la poésie.“ Gegen den kalten Winter da draußen.