Mehr Dichtung auf quélesen dank neuer Autorin - quélesen
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Mehr Dichtung auf quélesen dank neuer Autorin

Einen speziellen Fokus wirft Jana Nürnberger für quélesen auf die Québecer Dichtung. Nachdem sie sich in ihrer Masterarbeit mit der Poesie Frankreichs und Belgiens beschäftigt hat, setzt sie in ihrer Doktorarbeit den Schwerpunkt auf die Dichtung aus der frankokanadischen Provinz. Ihre Neugierde für die Kultur Québecs wurde während eines trinationalen Workshops mit dem Titel „Avec l’art contre l’exclusion“ in Lyon geweckt, wo auch Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Bereiche aus Québec vor Ort waren. Sie haben Jana von der sehr lebendigen poetischen Szene in Montréal berichtet. Den Berichten ist sie gefolgt und lebt derzeit in Montréal, um für ihre Doktorarbeit zum Thema Gegenwartspoesie Québecs und Haitis zu forschen. In der Metropole gibt es über das Jahr verteilt Veranstaltungen rund um die Poesie, z.B. das Festival de la poésie im Juni, diverse Lesungen und Open mics. In der Rue de la poésie können an Bäumen und in Blumenbeeten das ganze Jahr über Gedichte gelesen werden. Die Anfang 2017 gegründete Initiative La poésie partout stellt in einem Kalender alle Veranstaltungen zusammen und setzt sich für die Verbreitung der Poesie und den Austausch der Akteure untereinander ein. Und auch außerhalb von Montréal locken Veranstaltungen und Festivals zum Thema, z.B. das Festival international de la poésie in Trois-Rivières und der Mois de la poésie in Québec (Stadt).

„Die Dichtung in Québec ist sehr heterogen“, erklärt Jana, „sie zeichnet sich durch Kreativität, Innovation, Originalität und Mut ihrer Autoren aus“. Die Québecer Dichtung hat sich ihre eigene Tradition geschaffen, die irgendwo zwischen Frankreich und Amerika zu verorten ist. Sie ist noch relativ jung und stützt sich nicht auf eine lange Literaturtradition. Stärker als beispielsweise in Frankreich spielt die mündliche Poesie sowohl in Québec als auch in Haiti eine Rolle. Das Verlangen, öffentlich das Wort zu ergreifen, ist in der Kultur Québecs verankert, ob nun zur Zeit der Révolution tranquille oder des Printemps érable. Die gegenwärtige Dichtung ist zunehmend durch ihre Öffnung für andere Einflüsse gekennzeichnet. Aktuell finden beispielsweise Stimmen indigener Autorinnen und Autoren zunehmend Gehör. Auch mit anglophonen Poeten findet ein zunehmender, wenn auch noch recht zaghafter, Austausch statt.

Aufgrund der zeitlichen Nähe und der großen Vielfalt sei es schwer, einen Überblick über die aktuelle Dichtung zu geben, resümiert Jana: „Die Dichterinnen und Dichter behandeln eine ganze Bandbreite von Themen. Das reicht vom Alltäglichen, Privaten, teils auch Banalen, über gesellschaftliche und metaphysische bis hin zu metalinguistischen und -literarischen Fragestellungen. Fragen, die die Autorinnen und Autoren heute umtreiben, sind beispielsweise: Wie kann man in der Poesie heute noch ‚Ich‛ sagen, wie ‚Wir‛? Was ist Poesie überhaupt? Welche Rolle nimmt der Dichter ein? Ist Dichtung eine kulturelle Randform? In welchem Verhältnis steht sie zu anderen Medien?“

Die Publikation von Gedichtbänden ist gerade enorm hoch. Sie werden von Verlagen auf den Markt gebracht, die ausschließlich Dichtung veröffentlichen – Noroît, Poètes de brousse, L’Écrou, Écrits des Forges – und von Verlagen, bei denen die Dichtung nur einer von mehreren Programmschwerpunkten ist – Mémoire d’encrier, Les Herbes rouges, Le Quartanier, La Peuplade. Auch die Québecer Verlagsszene ist innovativ und probiert sich an unterschiedlichsten Publikations- und Vermarktungsformen aus. So kündigen die Éditions de l’Écrou beispielsweise jeden Gedichtband mit einem eigenen Trailer an, der häufig selbst zum poetischen Werk wird. Allgemein ist die Video-Poesie mehr und mehr im Kommen. Jana wird die Aktivitäten dieser Verlage im Auge behalten und für quélesen von ausgewählten Veranstaltungen und Festivals auf beiden Seiten des Atlantiks berichten, bei denen die Québecer Gegenwartspoesie auf dem Programm steht.