Nord Alice von Marc Séguin

Ein Mann lernt während des Medizinstudiums eine Frau kennen. Sie verlieben sich ineinander. Sie kommt aus dem hohen Norden Kanadas, er aus Montréal. Ihre Assistenzzeit absolvieren sie gemeinsam in den USA, denn sie ist ebenfalls Medizinstudentin. Ein ungewollt gezeugtes Kind wird abgetrieben, weil es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Und dann kann er nicht mehr. Er liebt Alice, doch der Alltag mit ihr ist ihm unerträglich. Er sucht Abstand und lässt sie in New York zurück. Gleichzeitig nähert er sich ihrer Herkunft an, denn er nimmt eine Stelle im Krankenhaus in Kuujjuaq an. Kuujjuaq liegt in der Region Nunavik und ist die größte Siedlung der Inuit und Herkunftsort von Alice.

So weit im Norden gibt es überwiegend Winterlandschaften, beinahe das ganze Jahr über. Sein Alltag fernab vom gemeinsamen Leben mit Alice besteht aus seiner Arbeit im Krankenhaus, seinen Stunden auf Pornoseiten im Internet und Eisangeln. Die Zeit, die ihm dazwischen bleibt, führt ihn in die Vergangenheit seiner Familie zurück. Wie lebten die Männer vorheriger Generationen seiner Familie? Und wer waren die Frauen an ihrer Seite? Die Erinnerungen reichen drei Generationen zurück, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Damals folgte der junge Roméo seinen Brüdern von Montréal nach Klondike, wo sie mehrere Jahre nach Gold suchten. In Montréal hatte er sich verliebt und schrieb Briefe an seine Émilya. Nach einem Vorfall kehrte er schließlich in die Heimat zurück. Er baute sich ein Haus, betrieb Landwirtschaft und gründete mit Émylia eine Familie. Ovide war ihr jüngster Sohn, geboren 1916. Er war noch ein Junge, als sein Vater vor versammelter Runde an einem Hirnaneurysma verstarb. Er unterstützte fortan seine Mutter und führte als erwachsener Mann ebenfalls ein Leben auf dem Land mit Tieren und Feldarbeit. Er ehelichte Yolande und sie gründeten eine mehrköpfige Familie. Es kam die Zeit des Zweiten Weltkriegs und weil Ovide wegen des Brennens von Schnaps mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, wurde ihm empfohlen, sich für die Armee zu melden. Der Empfehlung folgend ließ Ovide bald seine Kinder und seine schwangere Frau zurück. Sie trug den letzten gemeinsamen Sohn im Bauch. Louis-Joseph brachte sie 1942 zur Welt. Seinen Vater lernte er nie kennen. Als Einziger in der Familie studierte er und wurde Arzt. Er verliebte sich in die Krankenschwester Émilie. Sie heirateten und bekamen drei Söhne. Der Erzähler, der vor seiner Beziehung geflüchtet war, hatte viel von seinem Vater gelernt. Er trat in seine Fußstapfen und wurde Arzt.

Die Erzählstruktur folgt keiner klaren Vorgabe. Die Erinnerungen an Roméo, Ovide und Louis-Joseph gelangen zu unterschiedlichen Momenten an die Oberfläche und wechseln sich mit der Erinnerung an Alice und der Gegenwart in Kuujjuaq ab. Fortschritt und Veränderungen von einer Generation zur nächsten zeigen sich so. Marc Seguin lässt beeindruckende Landschaften entstehen, lässt seinen Erzähler einen überwiegend kommentarlosen Blick auf die Kultur und Probleme der Inuit werfen, von denen er umgeben ist. Er behandelt ihre Krankheiten und Unfälle in der Notaufnahme und lernt nur wenige näher kennen, die, mit denen er Eisangeln geht, denn er versucht sich selbst zu finden und sich darüber klar zu werden, wo er mit Alice steht.

Nord Alice ist der dritte Roman von Marc Séguin. Er ist thematisch und strukturell interessant und auch wenn im Zentrum der Geschichte ein nachdenklicher, zurückgezogener Arzt steht, geschieht doch mehr, als man erwarten würde.

 

 

Marc Séguin: Nord Alice
Roman
Leméac, 2015
256 Seiten
26,95 $

 

 

Ein Zitat:
« Certaines générations sont plus attachées que d’autres aux précédentes. Je peux remonter jusqu’à mon arrière-grand-père. Avant lui, c’est le néant. On a des mémoires de cent ans. Au-delà, ça devient flou comme des prévisions météorologiques. Les traces s’effacent. Pas celle des photos, mais celles du présent d’alors. On retient ce qui nous sert ?
Quand j’ai lu DEAD gravé dans les chairs du garçon, j’ai pensé à Alice en me demandant si elle serait une trace qui allait demeurer. Combien de fils, de filles, de petits-enfants et d’arrière-petits-enfants faut-il pour effacer une marque ? En langage médical, dans le premier rapport avant son décès, j’avais noté : ‹patient mâle, 9 ans, automutilation au thorax-sternum avec pointe de couteau ou tournevis, faible saignement coagulé et plaie en cicatrisation avancée à l’admission, administré antibiotique cutané, pansement doit être changé aux 24 h, 500 mg d’acétaminophène aux 4 h pour la fièvre›.
Je ne soigne que des corps. » – Marc Séguin: Nord Alice, Leméac, 2015, S. 21