Le christ obèse von Larry Tremblay

Der Protagonist in Larry Tremblays außergewöhnlichem, düsteren Roman Le christ obèse ist Edgar. Er ist 37 und lebt allein im Haus seiner Mutter, nachdem diese verstorben ist. Der Tod seiner Mutter brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Als er eines Abends das Grab seiner Mutter besucht, wird er Zeuge eines Überfalls. Eine Gruppe macht sich über eine Frau her und lässt sie bewusstlos zurück. Nachdem nichts mehr zu hören ist, nähert sich Edgar dem leblosen, zurückgelassenen Körper und beschließt ihn mit zu sich zu nehmen. In eine Tischdecke gehüllt bringt er sie unbemerkt vom Auto ins Haus. Dort versucht er sich, um sie zu kümmern. Doch er ist kaum in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern. Er hätte doch lieber die Polizei und den Krankenwagen rufen sollen, doch nun war es zu spät.

Er badet die Frau, entdeckt die Perücke und entlarvt einen Mann, der sich darunter verbarg. Er pflegt seine Wunden, füttert ihn. Als mit der Zeit Besserung eintritt und er merkt, wie er sich auch aus dem Bett der Mutter erhebt, bindet er ihn fest.

Edgar war allein bei seiner Mutter aufgewachsen. Als er geboren wurde, starb sein Vater auf dem Weg zum Krankenhaus. Seine Kindheit über suchte er den Schmerz. Er ritzte sich und verbarg die Narben unter dem Stoff von langen Hosen und langarmigen Shirts, auch wenn es im Sommer noch so heiß war und seine Mutter ihn für verrückt erklärte. Eines Tages ging er zu weit. Als er sich die Venen geöffnet hatte, fand ihn seine Mutter und er wachte im Krankenhaus wieder auf. Er schämte sich und versprach, damit aufzuhören. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn war eine gefährliche, denn sie taten sich gegenseitig nicht gut, kannten sich kaum. Doch als es darum geht, sich um ihr Grab zu kümmern, ist er bereit, ihr das zurückgeben, was sie ihm gegeben hatte.

In den leidenden Körper, den er auf dem Friedhof aufgelesen hatte, setzte er die Hoffnung auf einen Neuanfang. Doch der Mann wurde immer magerer und sein Zustand verschlechterte sich. Edgar musste Hilfe holen. Er lud Josiane ein, eine Krankenschwester, die sich den vermeintlichen Mitbewohner ansah. Sie nahm seinen Puls und wollte den Notarzt rufen, was Edgar nicht zulassen konnte. Was danach geschah, weiß er nicht mehr genau, nur, dass er Josiane getötet hatte. Er wird in ein Gedankenkarussell gezogen, in dem die Dinge durcheinander geraten. Was war die Wahrheit und was eine Lüge, um sich zu schützen?

In einer Erzählung, die sich nur auf Edgar konzentriert und in der es nur einige wenige weitere Figuren gibt, wird der Leser zum Begleiter seiner Gedanken und seiner Taten. Denn die eingangs beschriebene Situation, mit der Le christ obèse eröffnet wird, führt Edgar in eine Lage, in der ein absurder Akt zum nächsten führt.

 

 

Larry Tremblay: Le christ obèse
Roman
Alto, 2013
168 Seiten
20,95 $

 

 

Die Erstausgabe von Le christ obèse erschien im März 2012 bei Alto. Im Jahr darauf erschien der Roman in der Reihe Coda des Verlags. 2014 kam er bei Talonbooks in der englischen Übersetzung von Sheila Fischman raus und hieß The obese christ. Die Filmrechte wurden 2014 verkauft.
Für diesen Roman wurde Larry Tremblay 2012 mit dem Prix littéraire du Salon du livre du Saguenay ausgezeichnet. 2013 schaffte sein Roman es unter die Finalisten für den Prix littéraire des collégiens und für den Prix des lecteurs émergents de l’Abitibi-Témiscamingue sowie in die Vorauswahl für den Prix des libraires du Québec.

Ein Zitat:
« Cette vie inconnue qui m’attendait là-haut sur le plancher de la salle de bains, ces yeux verts, commet pourrais-je m’occuper d’eux ? J’avais déjà de la difficulté à m’occuper de moi-même. Ouvrir les yeux le matin et constater que c’était moi, encore moi qui les ouvrais et non un autre, n’importe qui d’autre, même un chien, replongeait mon corps mal réveillé dans une torpeur qui ne me quittait qu’en fin d’après-midi. Comme si mon âme ne pouvait s’allumer qu’au moment où le soleil s’éteignait. Et voilà qu’en ce dimanche matin, dans la lumière fatiguée de septembre qui tombait de la fenêtre de la cuisine, j’étais confronté à cette réalité : une jeune fille gisait inconsciente dans la salle de bain de ma mère, victime de la sauvagerie des hommes. » – Larry Tremblay: Le christ obèse, Alto, 2013, S. 22