L’orangeraie von Larry Tremblay

Es ist die Geschichte von zwei Brüdern, deren Kindheit in einem Land im Krieg zu früh beendet wird, die Larry Tremblay in seinem preisgekrönten Roman L’orangeraie erzählt. Und es ist die Geschichte eines Vaters, dessen Eltern durch einen Bombenangriff ums Leben gekommen sind und der sich daraufhin zwischen seinen zwei Söhnen entscheiden muss, um ein Opfer für sein Land zu bringen. Es ist auch die Geschichte von einer liebenden Mutter, die versucht gegen den Verlust ihrer Kinder anzukämpfen.

Der Titel des Romans verweist auf eine Orangerie, eine Plantage mit Orangenbäumen, die im Roman von Mounir, dem Vater von Zohal, auf einem zunächst unfruchtbaren Boden gepflanzt wurden. Er hatte das Land urbar gemacht und eine Art Paradies geschaffen in einem Land, das keinen Namen hat und das sich im Krieg befindet. Als Mounir und seine Frau in Folge eines Bombenangriffs sterben, wird die Familie direkt mit dem Krieg konfrontiert. Zohal führt die Plantage weiter. Seine Söhne werden zu Hause von ihrer Mutter unterrichtet. Doch das läuft nicht lange so weiter. Durch die Umstände werden die Zwillinge, die sich einander zumindest äußerlich sehr gleichen, zu früh gezwungen, das Paradies ihrer Kindheit zu verlassen. Der eine muss erwachsen werden, der andere wird als Märtyrer sterben. Wen welches Schicksal ereilt, liegt in der Entscheidung des Vaters und dem Spiel der Brüder, die ihre eigene Entscheidung getroffen haben.

Das der Familie dieser Weg bevorsteht, wird beeinflusst durch Soulayed, der als eindrucksvoller, gebildeter Gouverneur eines Tages nach dem Tod der Großeltern die Familie besucht. Sein Auftritt ist inszeniert mit Armeekleidung, Armeejeep und Waffen. Er bettet das Geschehene und das Kommende in Geschichten ein und verlässt dann das Anwesen, auf dem er einen Sprengstoffgürtel zurücklässt. Dieser ist für einen der neunjährigen Zwillinge bestimmt.

Larry Tremblay teilt seine Geschichte in drei Teile. Der Wechsel von einem zum anderen erfolgt über einen Zeitsprung, einen Ortswechsel und zuletzt durch einen Wechsel der Erzählperspektive. So spielen der zweite und dritte Teil der Geschichte in Nordamerika, wo ein mittlerweile erwachsen gewordener Zwilling an der Universität Schauspiel studiert. Was ist nun in seiner Kindheit geschehen? Wie ist das Spiel mit seinem Bruder aufgegangen? Und wie ist es dazu gekommen, dass er so weit von seinen Eltern entfernt ist? Larry Tremblay liefert die Antworten in einem zögerlich preisgegebenen Rückblick und anhand der künstlerischen Darstellungsform Theater.

L’orangeraie ist der fünfte Roman von Larry Tremblay. Zudem sind vom ihm bereits 16 Theaterstücke erschienen, die in mehrere Sprachen übersetzt sind sowie fünf Gedichtbände und zwei Essays.

 

 

Larry Tremblay: L’orangeraie
Roman
Alto, 2013
168 Seiten
20,95 $

 

 

Die Rechte für den Roman wurden in mehrere Länder verkauft, so dass L’orangeraie im kommenden Jahr wohl in einigen Übersetzungen erscheinen wird, darunter z.B. in Deutschland.
Larry Tremblay wurde für diesen Roman mit einigen Preisen in 2014 ausgezeichnet. Er erhielt den Prix des libraires du Québec, den Prix littéraire des enseignants AQPF-ANEL, den Prix littéraire du salon du livre du Saguenay Lac St-Jean sowie den Prix des lecteurs du Saguenay Lac St-Jean. Für weitere Literaturpreise zählte er zu den Nominierten wie beim Prix littéraire du Gouverneur général, dem Prix des cinq continents de la francophonie, dem Prix Ringuet de l’Académie des lettres du Québec und dem Prix Frye Académie IV.

Ein Zitat:
« Comme les garçons n’avaient plus de livres sous la main, Tamara avait eu l’idée un matin de fabriquer des cahiers avec du papier d’emballage récupéré et c’était eux, petits écrivains de cuisine, qui noircissaient de leurs histoires les pages froissées de ces drôles de livres. Les garçons s’étaient vite pris au jeu. Amed avait même inventé un personnage à qui il faisait vivre des aventures impossibles. Celui-ci explorait des planètes lointaines, creusait des tunnels dans le désert, terrassait des créatures sous-marines. Il l’avait appelé Dôdi et l’avait affublé de deux bouches, une très petite et une très grande. Dôdi utilisait sa petite bouche pour communiquer avec les insectes et les microbes. Il utilisait sa grande bouche pour faire peur aux monstres qu’il combattait vaillamment. Mais Dôdi parlait parfois avec ses deux bouches en même temps. Alors les mots qu’il prononçait se déformaient de façon cocasse, créant des mots nouveaux et des phrases cahotantes qui faisaient rire les petits écrivains en herbe. Tamara s’en amusait beaucoup. Mais depuis la nuit du bombardement et la mort de leurs grands-parents, leurs cahiers improvisés ne racontaient que des histoires tristes et cruelles. Et Dôdi était devenu muet. » – Larry Tremblay: L’orangeraie, Alto, 2013, S. 29-30