Blanc dehors von Martine Delvaux

Die Erzählerin in Martine Delvaux’ viertem Roman wurde im Dezember 1968 geboren. Ihre Mutter war noch jung und sie war das erste Mal verliebt. Sie gab sich dem erfahreneren Mann hin und wurde schwanger. Die Eltern schickten sie aus dem Haus und sie lebte erst einmal bei ihrem älteren Bruder und dessen Frau in Québec (Stadt). Doch lange konnte sie auch dort nicht bleiben. Der Ausgang ihrer Schwangerschaft war ungewiss. Ohne Partner und ohne Familie als Unterstützung ging sie in ein Schwesternhaus. Dort wurde das unabsichtlich gezeugte Kind geboren, das die ersten Tage seines Lebens allein gelassen wurde, mit einer ungewissen Zukunft. Die Eltern, die ihre Tochter wegschickten, holten sie und das Kind dann doch zu sich. Das Mädchen, das keinen Einfluss darauf hatte, geboren zu werden oder nicht, wuchs bei den Großeltern auf.

So oder so ähnlich lässt sich die Geschichte des geborenen Mädchens nacherzählen. Was dabei auffällt, sind die vielen Leerstellen. Wer war der Vater? Wie erging es der Mutter, die zu früh schwanger geworden war? Wie traf sie ihre Entscheidung, das Kind zu behalten oder abzutreiben? Die Antworten gab es nicht. Sie waren unbekannt oder wurden ins Vergessen gedrängt. Man sprach nicht darüber und das Mädchen fragte nicht.

Kurz vor einer Reise nach Europa rückte die Mutter ein paar Informationen heraus, falls sie sich in Europa auf die Suche nach ihrem Vater machen wollte. Doch die Neugier war dem mangelnden Mut unterlegen und sie hatte keine Lust auf die Suche nach etwas, von dem sie sich sicher war, dass es es nicht geben würde. Ihr bleibt die Rekonstruktion dessen, was sie weiß. Die Rückkehr in die Zeit der 1970er Jahre, in der ungewollte Kinder in Heime kamen und zur Adoption freigegeben oder sogar an kinderlose Ehepaare verkauft wurden. Ihre eigene Geschichte ereignete sich im Rahmen eines geschichtlichen Kontextes, den sie genauer untersucht und der sie auch nach Irland führt und zu den Situationen von Heimen, dem Handel mit Neugeborenen und dem Umgang mit Kindern der Eingeborenen, die sie an die Oberfläche holt.

Sie versucht sich bestimmte Momente, in der sich ihre Mutter befand, vorzustellen, bei anderen nimmt sie sich das Recht nicht raus. Sie kennt einzelne Punkte der Vergangenheit. Dazwischen gibt es Leere. Die Punkte können allerdings verbunden werden, so wie in dem Spiel mit den nummerierten Punkten auf einem Blatt Papier. Wenn man sie verbindet, entsteht ein Bild.

 

 

Martine Delvaux: Blanc dehors
Roman
Héliotrope, 2015
190 Seiten
21,95 $

 

 

Blanc dehors von Martine Delvaux ist in der Vorauswahl für den Prix des libraires du Québec 2016.

Ein Zitat:
« J’ai huit ans, dix ans, douze ans, je ne sais pas, je ne me souviens pas. Je suis allongée sur le plancher de ma chambre, penchée sur une tablette de papier, de longues pages blanches, peut-être lignées, un de ces carnets démesurés dont on se servait, à l’époque, pour faire les comptes ou tenir à la main un inventaire. Je suis à plat ventre sur le tapis rouge et orange de ma chambre, tout au bout du couloir, au fond du bungalow, des fenêtres qui donnent sur le jardin derrière la maison et puis sur la forêt, sombre et profonde, celle où je ne suis jamais allée. La peau de mes genoux porte l’empreinte des longs brins synthétiques qui grattent, qui piquent, c’est peut-être l’été, humide et chaud, celui des moustiques et des araginées velues que je trouve sur mon lit, et je m’ennuie dans cette maison plantée au bord d’une autoroute, ce lieu étrange où jamais rien de ne se passe, les champs de foin l’été, et puis l’hiver, la neige pour horizon. » – Martine Delvaux: Blanc dehors, Héliotrope, 2015, S. 6-7