Maleficium von Martine Desjardins

Maleficium von Martine Desjardins entführt den Leser in eine vergangene, mystische Welt. Bevor er sich darauf einlässt, muss er über die Entdeckung dieses außergewöhnlichen Buches informiert werden und zwar im vorangestellten Hinweis des vermeidlichen Verlegers. Darin ist die Rede von einem Gerücht: im Archiv des Erzbistums Montréal habe es ein Buch gegeben, das so gefährlich gewesen sei, dass es eingemauert wurde. Wer versuchen würde, es hervorzuholen, würde exkommuniziert werden. Das Bistum selbst hat die Existenz dieses Buches geleugnet, das den Titel Maleficium trägt und vom Pfarrer Savoie verfasst wurde. Der Pfarrer, heißt es weiter im Hinweis an den Leser, lebte von 1877 bis 1913. Er kam aus einer Familie von Gemüsegärtnern und ging mit 20 Jahren zur Kirche. Es gibt kaum weitere Informationen zu seinem Leben, dessen Ende er in einem Kloster verbrachte, nachdem er plötzlich taub geworden war. Das Manuskript von Maleficium wurde in der Korrespondenz an seinen Neffen entdeckt.

Doch was enthält dieses Buch nun? Das geheimnisvolle Buch des Pfarrers besteht aus der Niederschrift von Beichten, die ihm anvertraut wurden. Damit hatte er sein Schweigegelübde gebrochen, aber nicht ohne Grund, wie er angemerkt hatte. Denn er war davon überzeugt gewesen, im Visier einer unheilvollen Macht zu stehen, die seine Seele und seine Kirche bedrohten. So versuchte diese alles, dieses Buch im Verborgenen zu halten.

Sieben Männer hatten den Beichtvater aufgesucht und ihm von ihrer Begegnung mit einer Frau fernab ihrer Heimat erzählt. In jeder der Geschichten besaß sie eine besondere Eigenschaft, die die Männer auf sie Aufmerksam werden ließ. Im Anschluss an eine erste Begegnung bot sie den Reisenden das an, wonach sie auf der Suche waren. Doch für den Erhalt dieser Sache, die ihnen Reichtum verschaffen sollte, bezahlten sie einen hohen Preis, der in Verbindung mit einem der sieben Sinne stand. Nachdem all diese Männer dem Pfarrer Savoie gebeichtet hatten, deutet sich an, dass auch ihm diese Frau bald begegnen würde.

Der Roman, dessen Einband allein eine mystische Atmosphäre schafft, besteht aus acht Kapiteln, die jeweils eine lateinische Überschrift tragen, die in Verbindung mit den Sinnen steht. Ob dieses Buch aufgeschlagen wird, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ist er bereit für die Lektüre der exotischen und außergewöhnlichen Beichten?

Martine Desjardins: Maleficium
Roman
Alto, 2011
192 Seiten
14,95 $

Die Erstausgabe des Romans erschien bei Alto 2009. 2012 wurde Maleficium in der englischen Übersetzung von Fred A. Reed und David Homel bei Talonbooks veröffentlicht.
Der Roman von Martine Desjardins wurde 2010 mit dem Prix Jacques Brossard ausgezeichnet. Im selben Jahr schaffte Maleficium es unter die Finalisten u.a. beim Prix littéraire du Gouverneur général, beim Prix des libraires du Québec, beim Prix des cinq continents de la francophonie und beim Prix France-Québec.

Ein Zitat:
« Je me retirai dans mes appartements pour me nettoyer. En enlevant mes vêtements, je constatai que ma peau était couverte de marques rouges partout où le fouet l’avait léchée. Je ne m’en inquiétait pas et m’enduisis généreusement de pommade avant d’aller me coucher. Le lendemain, à mon réveil, les marques ne s’étaient pas estompées. Elles étaient devenues au contraire plus foncées, presque cramoisies. Elles ne sont jamais disparues. Elles ont peint la honte sur mon visage à l’encre indélébile. Écarté de la société de Zanzibar, abandonné de mes connaissances, je suis rentré au pays le mois dernier. Le jour, je demeure barricadé chez moi, confiné dans une retraite forcée, fuyant le regard d’autrui. Je n’ose sortir que le soir, et vous voyez sous quel grimage… Si je suis ici, mon père, c’est pour vous mettre en garde. La jeune fille à la queue reptilienne est arrivée dans cette paroisse, je l’ai vue hier. Elle viendra vous tenter, parce que, comme moi, vous appréciez les beautés d’une croupe féminine. Ne le niez pas, je vous ai vu tout à l’heure suivre du regard les femmes qui sortaient de l’église. Écoutez bien ce conseil : quand une jeune fille à la lèvre fissurée se présentera devant vous, fermez vite les yeux avant qu’elle ne vous tourne le dos. Sinon, vous pourriez avoir à en rougir. » – Martine Desjardins: Maleficium, Alto, 2011, S. 55-56