Arvida von Samuel Archibald

In Arvida kommt Samuel Archibald als Geschichtenerzähler zu Wort. Es ist ein Erzählband, der 14 Geschichten vereint, die von unterwegs, von Banditen, von leicht Verrückten, vom Leben in und um den Ort Arvida handeln. Es sind Geschichten, die einander erzählt werden, Geschichten, in denen auf Vergangenes zurück geblickt wird und Geschichten, die vom Alltag berichten. Dabei gibt es eine Klammer, die durch die erste und die letzte Erzählung gebildet wird. Die erste Geschichte des Bandes, Mon père et Proust – Arvida I, handelt vom Vater des Erzählers, der gerne Kuchen naschte. Seine Erinnerungen schrieben sich aber nicht wie bei Proust in ein Gebäckstück ein, sondern verschwanden im Nichts. So endeten seine Erzählungen von vergangenen Episoden in der Wiedergabe uninteressanter Details. Indem der Autor auf Proust anspielt, geht er der Frage nach der Herkunft von Erinnerungen nach. Wann werden aus Erinnerungen Geschichten, ob sie nun wahr oder unwahr sind? Und worin liegt das Wesentliche der Erinnerungen? Im Laufe der einzelnen Geschichten rückt eine Antwort darauf näher. Die letzte Geschichte trägt den Titel Madeleines – Arvida III und schließt den Kreis. Der Erzähler und sein Vater sind auf einem gemeinsamen Ausflug unterwegs. Sie unterhalten sich über die Kunst des Geschichtenerzählens und des Schreibens. So fehlt es dem Erzähler nicht an Geschichten, aber daran sie in die richtigen Worte zu fassen. Doch dann ist der Erzähler derart inspiriert und seine Bedenken vor dem Niederschreiben sind verschwunden.

Arvida ist ein Buch über das Erzählen von Geschichten in einer Umgebung, die künstlich erschaffen wurde. Die Industriestadt Arvida entstand in etwas mehr als 100 Tagen, nachdem sie durch die Québecer Aluminiumfabrik Alcan geplant wurde, um deren Arbeiter unterzubringen. Wie sehen die Geschichten an einem solchen Ort aus, der an sich keine Geschichte hat wie andere mit der Zeit gewachsene Orte? Samuel Archibald liefert als eine Antwort darauf eine Vielzahl von familiären, persönlichen Geschichten, die fiktiv und von realen Geschichten vor Ort inspiriert sind. Letztendlich geht es nicht nur darum eine Geschichte zu haben oder sich Geschichten zu erzählen, sondern auch darum diese niederzuschreiben und sie so zu verbreiten. So entsteht die Geschichte von der geplanten Stadt Arvida von ihrer Entstehung und Blütezeit bis zu ihrem Niedergang.

Die Stimmen, die Samuel Archibald in seinen Geschichten erzählen lässt – einige kehren wieder – führen an unterschiedliche Umgebungen. In Antigonish fährt der Erzähler entlang des Cabot Trail, ein Highway auf der Kap-Breton-Insel der kanadischen Provinz Nova Scotia. Es ist Nacht und es herrscht ein dichter Nebel. Sein Begleiter auf dem Beifahrersitz ist derjenige, der die Route bestimmt hat, der sie aber nun mit verschlossenen Augen wahrnimmt. Der Einzelne steht hier der überwältigenden Natur gegenüber. Der Autor beschreibt beeindruckende Naturbilder, ist detailreich in Szenen fernab der weiten kanadischen Natur und macht sogar einen Abstecher in die französische Hauptstadt, in die es eine Frau aus Arvida verschlagen hat.

 

 

Samuel Archibald: Arvida
Erzählung
Le Quartanier, 2011
324 Seiten
25,95 $

 

 

Arvida ist 2013 beim französischen Verlag Phébus erschienen. 2012 erhielt Samuel Archibald für seinen Band den Prix des libraires du Québec und den Prix coup de cœur Renaud-Bray. Er war im selben Jahr auch für Prix littéraire des collégiens nominiert.

Ein Zitat:
« Arthur Vining Davis l’a rêvée et lui a donné pour nom l’acronyme des deux premières lettres de son prénom et de ses patronymes. Andrew Mellon l’homme le plus riche du monde en a financé la construction. Des hommes l’ont dessinée et d’autres l’ont bâtie et les employés de l’Alcoa et de l’Alcan l’habitent depuis.
Périodiquement, on évoque l’intronisation éventuelle de la ville au patrimoine mondial de l’Unesco. Je pense qu’ils en parlaient en la construisant. C’est même un running gag entre mon père et moi. Quand on passe devant une maison arvidienne envers laquelle les années n’ont pas été tendres, un duplex dont les propriétaires ont peint leur moitié de couleurs différentes ou un gazon entretenu avec laxisme, l’un de nous deux dit :
– Celle-là, y seraient mieux de pas la montrer aux gars de l’Unesco.
Ils ont recommencé avec ça, en 2010. En entrevue, Carl Dufour, un conseiller municipale, a déclaré :
– Sans Arvida, les Allemands auraient peut-être gagné la guerre.
Affirmation grotesque qui avait au moins un mérite : celui d’être la plus exorbitante exagération de l’histoire d’une ville qui a pourtant vu naître mon père. Il est vrai qu’à peu près tout l’aluminium qui entrait dans la composition du fuselage des avions alliés était produit à l’usine Vaudreuil. Les installation furent protégées pendant une bonne partie de la guerre par des batteries antiaériennes qui faisaient d’étranges totems sur la pelouse autour des bâtisses. Bien entendu, Arvida n’était ni Peal Harbour, ni Londres, ni même Dresde. Les Japonais et les Allemands auraient eu pas mal de chats à fouetter, sur les steppes de Russie ou dans la grande poudrière du Pacifique, avant de venir troubler la tranquillité inquiète des gens d’Arvida. » – Samuel Archibald: Arvida, Le Quartanier, 2011, S. 209-210