Spezial L’appel de Berlin in 150. Ausgabe von JEU

Heute erscheint die 150. Ausgabe der québecer Theaterzeitschrift JEU. 1976 wurde sie unter dem Namen Cahiers de théâtre Jeu gegründet. Seit 1979 erscheint sie alle drei Monate unter dem Namen JEU. In dieser Jubiläumsausgabe erscheint ein Spezial zu Berlin unter dem Titel L’Appel de Berlin. „Dem Ruf von Berlin“ sind 8 Québecer gefolgt. Sie schildern in ihren Texten ihre Eindrücke von der deutschen Hauptstadt. quélesen hat dem Herausgeber Christian Saint-Pierre dazu drei Fragen gestellt.

Woher kam die Idee, ein Spezial zur deutschen Hauptstadt anlässlich der 150. Ausgabe von JEU zu machen?

Christian: Die Idee hatte ich im Anschluss an einen Aufenthalt in Berlin. Ich war von der Stadt sehr beeindruckt, von seinen Theatern, Museen, Straßen und Menschen, also habe ich beschlossen, dass es ein Spezial zur deutschen Hauptstadt in der Ausgabe geben wird, in der die Zeitschrift, die ich seit 3 Jahren leite (gegründet wurde sie bereits 1976) in einer neuen Gestaltung erscheinen wird. Ich wollte über den aktuellen Zustand der Berliner Theater hinaus von den québecer Kulturschaffenden erfahren, warum Berlin sie so verführt. Ich wollte die Stadt durch ihre Augen sehen, in ihren Worten hören und ihren Bildern sehen.

In dem Spezial L’Appel de Berlin schildern 8 Québecer ihre Faszination von Berlin. Wer sind sie und welche Beziehung haben sie zu der Stadt?

Christian: Auf meine Einladung hin erhielt ich wunderbare Liebesbriefe. Darin las man von Bewunderung, Sehnsucht, Überraschung und Verführung. In vielen las man von dem Wunsch, manchmal deutlich formuliert, manchmal leicht angedeutet, dass Montréal Berlin noch ähnlicher sein sollte. In anderen, meist von denen, die des Öfteren in Berlin sind, konnte man auch einige Vorwürfe finden.
Das Künstlerpaar Daniel Brière, Regisseur, und Evelyne de la Chenelière, Autorin, eröffnet das Spezial mit einem bewegenden Telefongespräch zwischen Berlin und Montréal. Es folgt ein Text von Frank Weigand, im Spezial der einzige mit einer deutschen Perspektive. Der Übersetzer bringt etwas Abstand herein und stellt erleuchtende Verbindungen zwischen Québec und Deutschland her. Die Schauspielerin Catherine De Léan (die auf der Titelseite zu sehen ist) erzählt von ihrem Umherirren durch Berlin. Sie spricht von dem Film, den sie dort gedreht hat (Schlussmacher) und vom Erlernen der deutschen Sprache.
Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Marie Brassard (seit langem arbeitet sie mit Robert Lepage zusammen) erinnert sich an ihre lange Beziehung zu der Stadt, in der sie gelebt, geliebt und gearbeitet hat und in der sie radikale Veränderungen beobachtet hat, die sie aber dennoch weiterhin inspiriert. Der Regisseur und Direktor des Festival TransAmérique Martin Faucher führt uns in das Innere der Berliner Theater, lässt uns Teil haben an der kompletten Freiheit der Gestalter und spricht vom Zweifel wie von einem fabelhaften Antrieb.
Während Sarah Lachance, Studentin der Bühnenmalerei, auf einen schmerzhaften und formenden Aufenthalt in Berlin zurückblickt, geht Marie-Lyne Rousse, die gerade in Berlin ihre Masterarbeit über die Funktion des Dramaturgen schreibt, soweit zu sagen, dass die Stadt ihr „von neuem gelernt hat zu leben“. Zum Schluss erzählt Éric Noël von dem Jahr, in dem er verstanden hat, dass die Reise oftmals nur „eine heftige und nicht wieder umkehrbare Konfrontation mit sich selbst ist“, aber auch, dass die Berliner die Weisheit haben, diese Verzweiflung, vor der wir uns in Québec so fürchten, nicht zu unterdrücken.

Wenn sich jemand aus Deutschland für die aktuelle Ausgabe von JEU interessiert, wie kann er ein Exemplar erhalten?

Christian: 5 Artikel von JEU 150 sind bereits auf unserer Website zu lesen. JEU 150 ist auch demnächst als Online-Ausgabe für 11,99 $ CAN hier zu haben. JEU kann auch abonniert werden (4 Ausgaben pro Jahr). Wenn sie JEU als Heft bekommen möchten (diese Ausgabe oder weitere), können sie unseren europäischen Auslieferer Lansman/Emile&Cie kontaktieren: info.lansman@gmail.com

Anlässlich des Erscheinens der Jubiläumsausgabe von JEU findet im Goethe-Institut in Montréal eine Präsentation statt. Der Abend verspricht einen Einblick in die Berlinerfahrung von Québecern zu gewähren, die eine Weile in der Stadt gelebt haben wie Marie Brassard, Catherine De Léan und Evelyne de la Chenelière, die Passagen aus ihren Texten lesen werden.

Weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.