Diesen Februar bin ich zwei Wochen in der Maison de la littérature du Québec zu Gast. Neben ihrer Bibliothek bietet die Institution einen abwechslungsreichen Veranstaltungskalender, mehrere Residenzprogramme und ein Literaturrätsel um goldene Tickets (aka Charlie und die Schokoladenfabrik) gibt. Für quélesen habe ich mich bei einigen Mitarbeitenden nach ihren aktuellen Lektüren erkundigt:
Juliette Bertond (Koordinatorin und Managerin der Residenzprogramme) liest Une histoire silencieuse, Familienrecherche und Debütroman von Alexandra Boilard-Lefebre, die selbst kürzlich Residentin in der Maison war. Juliette ist beeindruckt von der reifen Sprache der Autorin sowie der sehr authentischen Québecer Mündlichkeit der 1960er und 1970er, die sie so nur selten in Büchern vorgefunden hat. Zudem berührt sie die Art der Autorin, scheinbar unauffällige Alltagsmomente wie Fotografien gekonnt einzufangen, die dann plötzlich unendlich viel offenbaren.
Alexandra Boilard-Lefebvre: Une histoire silencieuse
La Peuplade, 2025
256 Seiten
27,95$
Zur Zeit ist die Dichterin Camille Readman Prud’homme ist Gast im Literaturhaus. Zwischen unseren Übersetzungsstunden bereitet sie einen Radiotext über die Autorin Hélène Dorion vor. Un visage appuyé contre le monde gehört zu ihren wichtigsten Gedichtbänden. Camille erzählt mir von der darin thematisierten Spannung zwischen der Überwältigung der Begierde und dem Wunsch, sich davon zu befreien. So entstehe eine neue Art zu sein: „Ich versuche nicht mehr herauszufinden, wer ich bin, sondern wie sein“ (S. 79). Als würde die Erzählerin mit ihrem gegen die Welt gedrückten Gesicht Trost oder Ruhe durch das Hineinschreiten in eben das finden, was sie eigentlich zur Verzweiflung bringt.
Hélène Dorion: Un visage appuyé contre le monde
Noroît, 2001
16,95 $
Julie Veillet (Programmmanagerin) liest zur Zeit die Neuausgabe zwei vergriffener Gedichtbände der Québecer Poetin Marie-Célie Agnant, die in Seul demeure le cri zusammengefasst sind. Fragen nach Exil, Einsamkeit, Rassismus und Feminismus sind zentral in Agnants Werk. Julie berühren vor allem die Schlagkraft und Schönheit der Gedichte.
Marie-Célie Agnant: Seul demeure le cri
Noroît, 2025
184 Seiten
23,95 $
Anthony Charbonneau Grenier (Assistenz der künstlerischen Leitung) liest Julie Delportes Graphic Novel je vois des antennes partout. Was das Werk laut Anthony besonders macht: die intime Sprache der Textfragmente und die organische Linienführung der Buntstiftillustrationen.
Julie Delporte: je vois des antennes partout
Pow Pow, 2015
120 Seiten
26,95 $
Nun das Kommunikations-Team: Fanny Razurels letzte literarische Entdeckung war Nouées von Catherine Voyer-Léger, eine Reflexion voller Liebe und Menschlichkeit über die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen der Autorin und ihrem Adoptivkind.
Catherine Voyer-Léger: Nouées
Québec Amérique, 2022
168 Seiten
21,95 $
Sophie Grenier-Héroux liest gerne Robert Lalonde. In On est de son enfance kann man sich von den schönen sprachlichen Bildern verzaubern lassen, in Nostalgie schwelgen und in die sehr persönlichen, aber zugänglichen Geschichten des Dichters eintauchen.
Robert Lalonde: On est de son enfance
Boréal, 2024
232 Seiten
24,95 $
Und Tania Massault hat kürzlich die Essaysammlung Libérer la paresse aufgeschlagen, die schon länger auf ihrem Nachttisch lag: eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, langsamer werden zu können, und dass Mittagsschlaf durchaus antikapitalistisch ist.
Geneviève Morand, Natalie-Ann Roy (Hg.): Libérer la paresse
Remue-ménage, 2024
304 Seiten
27,95 $
Schließlich ist Margaux Brunet (Fördermittelmanagement) von Mikella Nicols Mise en forme inspiriert, einer Mischung aus persönlicher Erzählung und Gesellschaftskritik rund ums Thema der Fitnessindustrie. Bis zu welchem Grad kann intensives Training uns durchaus helfen, eine Kontrolle über unser Leben zurückzuerlangen? Und inwiefern bleibt es ein Weg, unsere Körper zu vereinheitlichen?
Mikella Nicol: Mise en forme
Le Cheval d’août, 2023
160 Seiten
23,95 $