Zu Beginn des Romans hängt Peau-de-sang an den Fleischhaken ihrer Heimstätte, wird von den Menschen, die sich vor ihrem Schaufenster angesammelt haben, betrachtet. Anschließend geht es ein Jahr zurück, und in neun Kapiteln entfaltet sich das Leben in Kangoq. Vielleicht findet sich der Täter unter den Männern, die Peau-de-sang aufsuchen. Einer von ihnen ist Tamiel, der Arzt, der sich in den Kopf gesetzt hat, sie zu retten, ein anderer Sulfurian, der Jäger. Eines Tages nimmt sie Binouche Beaupré bei sich auf, der Waisenjunge, der in der Bettenmanufaktur Groll aufgewachsen ist und als junger Mann die Arbeiterinnen beängstigt. Sie lehrt ihn, Tiere zu zerlegen, und mit der jungen, wissbegierigen Philomène, die Peau-de-sang nacheifert, lernt er seinen Körper und sein Verlangen kennen.
Die Hauptfigur des Romans wird kaum beschrieben. Ihr Alter, ihr Äußeres bleiben unbestimmt, was sie zu einer perfekten Projektionsfläche für die Bedürfnisse derjenigen macht, die zu ihr kommen. Auf diese Weise hilft sie ihnen, sich selbst zu erkennen und anzunehmen. Formal überrascht der Roman aufgrund seiner beschwörenden Sprache, der vielen Zeilenumbrüche und der aufgebrochenen Zeichensetzung. Und auch wenn Peau-de-sang erzählt, entsteht zuweilen der Eindruck die Bewohnerinnen und Bewohner Kangoqs ergriffen das Wort.
Roman
Leméac, 2023
200 Seiten
24,95 $
Ein Zitat:
« longtemps, j’ai enseigné ma fin
à l’heure de ma mort, je pends entre mes bêtes, cheveux et corps et mains, mon visage basculé vers le plafond, mes yeux avalés par la pénombre; […] » – Audrée Wilhelmy: Peau-de-sang, Leméac, 2023, Seite 11