Peau-de-sang von Audrée Wilhelmy

31. Dezember 2025 | quélesen

In Peau-de-sang richtet die Autorin ihren Blick auf einen Ort, den sie in ihrem vorherigen Roman Blanc résine bereits eingeführt hat: Kangoq. Es ist ein 1600 Seelenort, mit Gutbetuchten, die in Oberkangoq leben und ärmeren Leuten in Unterkangoq. Ihre Wege kreuzen sich nur an wenigen Orten, etwa der Federei. In der Federei wirkt Peau-de-sang, eine Frau, die Federn rupft und Tiere häutet, darüber hinaus gewandt ist im Nähen und im Befriedigen sexueller Bedürfnisse. Lüsterne Männer suchen sie auf, was ein Besen vor der Tür anzeigt; genauso Frauen, die einen Rat brauchen und Mädchen an der Schwelle zur Frauwerdung, die an ihrer Aussteuer arbeiten. Im Grunde ist die Federei der zentrale Anlaufpunkt für die Bewohnerinnen und Bewohner von Kangoq.

Zu Beginn des Romans hängt Peau-de-sang an den Fleischhaken ihrer Heimstätte, wird von den Menschen, die sich vor ihrem Schaufenster angesammelt haben, betrachtet. Anschließend geht es ein Jahr zurück, und in neun Kapiteln entfaltet sich das Leben in Kangoq. Vielleicht findet sich der Täter unter den Männern, die Peau-de-sang aufsuchen. Einer von ihnen ist Tamiel, der Arzt, der sich in den Kopf gesetzt hat, sie zu retten, ein anderer Sulfurian, der Jäger. Eines Tages nimmt sie Binouche Beaupré bei sich auf, der Waisenjunge, der in der Bettenmanufaktur Groll aufgewachsen ist und als junger Mann die Arbeiterinnen beängstigt. Sie lehrt ihn, Tiere zu zerlegen, und mit der jungen, wissbegierigen Philomène, die Peau-de-sang nacheifert, lernt er seinen Körper und sein Verlangen kennen.

Die Hauptfigur des Romans wird kaum beschrieben. Ihr Alter, ihr Äußeres bleiben unbestimmt, was sie zu einer perfekten Projektionsfläche für die Bedürfnisse derjenigen macht, die zu ihr kommen. Auf diese Weise hilft sie ihnen, sich selbst zu erkennen und anzunehmen. Formal überrascht der Roman aufgrund seiner beschwörenden Sprache, der vielen Zeilenumbrüche und der aufgebrochenen Zeichensetzung. Und auch wenn Peau-de-sang erzählt, entsteht zuweilen der Eindruck die Bewohnerinnen und Bewohner Kangoqs ergriffen das Wort.

Audrée Wilhelmy: Peau-de-sang
Roman
Leméac, 2023
200 Seiten
24,95 $
Peau-de-sang erschien in Frankreich bei Le Tripode und in der deutschen Übersetzung von Tabea Rotter bei S. Marix. 2024 wurde er mit dem Prix Ringuet ausgezeichnet.

Ein Zitat:
« longtemps, j’ai enseigné ma fin
à l’heure de ma mort, je pends entre mes bêtes, cheveux et corps et mains, mon visage basculé vers le plafond, mes yeux avalés par la pénombre; […] » – Audrée Wilhelmy: Peau-de-sang, Leméac, 2023, Seite 11